Samstag, 31. Januar 2009

Predigt zum 1. Advent 2008 - Mt 21, 1-9

Liebe Gemeinde,

eben haben wir das Evangelium gehört. Das heute beginnende Kirchenjahr beginnt auch mit einer neuen Reihe von Predigttexten. Wir werden im kommenden Jahr die Evangelien der Sonntage wieder zu predigen haben. Frohe Botschaften also für das ganze Jahr. Unser Herr und Bruder Jesus tritt wieder ganz nah an uns heran, wenn wir bedenken, was seine Worte, sein Leben, sein Wandel unter uns Menschen zu bedeuten haben und wie er uns dadurch Wege weist zur Erlösung und zum Glauben. Der heutige Predigttext also handelt von Jesu Einzug in Jerusalem. Unsere Frage wird also sein: Was ist das Spektakuläre daran, dass jemand auf einem Esel reitet, dem niedrigsten aller Lasttiere? Warum wird diese Geschichte überhaupt erzählt? Und was hat das eigentlich mit Advent, Lebkuchen und Stollen zu tun?

Es gibt auf den ersten Blick nichts Aufregendes an dieser Geschichte des Einzugs. Luther sagte: Jesus kam nicht für die Augen daher, sondern für Herz und Ohren. Vergleichen wir mal das Auftreten großer Persönlichkeiten mit der Geschichte hier. Das wäre so, als wenn ein Staatsmann nicht in der Staatskarosse in feinem Zwirn und Nadelstreif vorfährt, sondern da kommt einer mit dem billigsten aller Fahrzeuge, einem alten Klapprad vielleicht, das nicht einmal ihm gehört. Wer würde schon Notiz davon nehmen? Ähnlich erging es den Bewohnern von Jerusalem die das Geschrei der Leute hörten, die mit Jesus in die Stadt einzogen: Hosianna dem Sohn Davids. Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ War nicht David auch immer auf einem kräftigen, streitbaren Hengst unterwegs, begleitet von hunderten Soldaten. Was ist das für ein König, der sich sogar den jämmerlichen Esel ausleihen muss, auf dem er daher kommt, weil er nichts hat, als das, was er auf dem Leibe trägt?

Sogleich wird erinnert an die Verheißungen des Propheten Sacharja im Alten Testament: Freue dich, Tochter Zion, siehe dein König kommt zu dir. Sanftmütig und auf einem Esel reitend und einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers. Es wird deutlich. Jesus muss nicht mit Zeichen der Macht und Kraft, die wir Menschen brauchen, einziehen. Was wäre das auch für ein Wettkampf gewesen. Spätestens die Aufmärsche der großen Diktatoren im vergangenen Jahrhundert hätten Jesu Machtdemonstration in den Schatten stellen müssen. Jesu ärmliches und sanftmütiges Erscheinungsbild macht uns klar: Gottes Reich wird anders sein und ist es bereits, als alle unsere Vorstellungen von Macht. Denn was haben die Mächtigen dieser Welt denn noch zu bieten außer Glanz und Gloria. Die amerikanischen Manager, die in Firmenjets nach Washington für 20.000 Dollar je Flug und dann die Regierung um Geld anbetteln, weil sie ihre Macht missbraucht und in ihrer Gier die ganze Kohle in den Sand gesetzt haben. Wir merken schnell, da stimmt das Bild nicht. Unsere Augen trügen uns oft. Der äußere Schein ist eben nur ein Schein und keine Wahrheit. Die Fürsten und Großen dieser Welt kommen und gehen. Und was bleibt ist die spektakuläre Fassade. Doch Jesus kommt, um Gottes Reich anzufangen – ein unsichtbares Reich und was er bringt, kann niemand sonst bringen: Er will unsere Last tragen, wie der Esel, auf dem er sitzt. Das gebeutelte und belastete Volk will er tragen mit Sanftmut und einer unaussprechlichen Liebe, die die Welt verändert. Was braucht es da der Machterweise, dem großen Pomp? Nicht für die Augen wird uns dieses Spektakel geboten, sondern für unser Herz, dass wir erkennen, wer da kommt: Unser Heiligmacher und Seelentröster, der Herzenskünder, der Friedensfürst, der uns erlösen will von Schuld, Tod und den negativen Mächten, die in uns schlummern, uns einzwängen und ängstigen. Jesus will unsere Herzen erreichen, nicht die Aufmerksamkeit der BILD-Zeitung oder brisant-Sendungen. Freue dich, Tochter Zion, siehe dein König kommt zu dir. Nach dem Evangeliumstext folgt noch ein Vers, der – wie ich finde – dazu gehört. Dort heißt es: Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: Wer ist der? Matthäus benutzt hier das gleiche Wort für erregen wie erbeben. Wir finden es an anderen wichtigen Stellen: bei Jesu Kreuzigung erbebte die Erde, als die Frauen das leere Grab finden, erbebte die Erde. Was ist das für ein Beben? Vielleicht meint es eine innere Erschütterung dieser Welt, ebenso innerlich und damit auf den ersten Blick so wenig machtvoll wie Jesu Reiten auf dem Esel. Und doch ist nichts mehr wie es war. Wie ein leises Wehen so begegnete Elia einst dem HERRN am Gottesberg, nicht im Sturm und Donner, sondern in dem sanften Wehen, fast unmerklich und zart. So ist das, wenn Gott in diese Welt hinein kommt, wenn er sein Reich baut, klein, sanft und unmerklich. Es ist eben nichts äußerliches, sondern ein geistliches und inneres Geschehen. Darum, liebe Gemeinde, hören wir jeden 1. Advent von diesem seltsamen Kommen eines sanften Königs, der keine Macht über Armeen und Finanzmärkte hat, doch aber über Tod, Krankheit und Angst, der uns mit seiner Liebe anstecken will, damit Gott in uns Wohnung nimmt und uns und unsere Welt verändert. Ganz leise und unbemerkt. Wir mögen diesen unscheinbaren und sanftmütigen König aufnehmen und willkommen heißen. Dafür brauchen wir nicht mit unseren Augen Ausschau halten. Denn unseren oberflächlichen Blickwinkel ist Jesus nicht sichtbar, nur für unser Herz ist er sichtbar. Ein Herz und Ohr, das die leisen Töne zu hören vermag. Ein Herz, das bereit ist, sich von der Liebe anstecken zu lassen, die auf leisen Sohlen daher kommt und in manchem Herz schon schlummert und wie ein Dornröschen geweckt werden will um zu neuem Leben zu erblühen. Der Herr des Gottesreichs kommt nicht wie ein weltlicher Fürst, weil sein Reich nicht von dieser Welt ist. Das ist verstörend und lässt die Gemüter innerlich erbeben. Was maßt sich dieser dahergelaufene Prophet an? Daran ist Jesu Leben selbst so tragisch geendet am Kreuz. Seine Liebe, die diese Welt nicht begreifen und ertragen konnte, war sein Stolperstein. Doch war auch dies ein Zeichen seiner Liebe, sein Sterben für uns alle, zu unserer Erlösung. Advent, liebe Gemeinde, ist also eine besinnliche Zeit. Weniger der Glanz der Schaufenster ist wichtig, sondern ein Herz, das sich bereit macht, den König der Könige, unseren Heilsbringer, den ewigen Gott in der ärmlichen Gestalt der Liebe aufzunehmen. Dem adventlichen Glanz unserer Einkaufshäuser und Weihnachtsmärkte hätte der Friedefürst mit seinem Esel wenig entgegen zu setzen. Nichts für das Auge, doch aber für unser Herz und unsere Seele. Dafür sollten wir uns Zeit nehmen in dieser Adventszeit. Neben dem Einkaufs- und Vorbereitungsstress für Weihnachten nicht den Grund unserer Vorfreude vergessen, den Gott, der unsere Herzen erstürmen und erobern will, der uns frei machen will von Schuld, Angst und Tod, der uns mit seiner Liebe umfängt, ganz sanft und unscheinbar und doch so tief und existenziell. Er ist der Kommende an jedem Tag im Jahr, der wenn wir wollen in uns lebt und uns verändert zur Ewigkeit hin. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine besinnliche Adventszeit, in der wir Wartende und Lauschende sind. Wer längere Zeit auf jemanden wartet, der wird aufmerksamer. Er versucht in jedem, den er von weitem sieht, etwas von dem zu sehen, den er erwartet. Aufmerksam werden für Gott, für sein Wort, für Jesus, für die Liebe, die wir so dringend brauchen. Dafür gibt es Advent, die Zeit der Vorbereitung und des Hörens des Herzens. Möge Gott die Tore unserer Herzen weit und offen machen, damit er mit seiner Liebe und unserem Heiland einziehen kann. Mehr braucht es nicht als dies. „Komm, mein Heiland, Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. …

Und der Friede Gottes, der höher ist alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.