Liebe Gemeinde,
der letzte Abend des Jahres ist ein besonderer Moment. Für mich persönlich scheint die Zeit wie im Flug vergangen. Der Silvesterabend des letzten Jahres scheint gerade eine Woche her zu sein. Ich glaube, das geht vielen unter uns so: Wie schnell doch die Zeit vergeht.
Der letzte Abend des Jahres dient auch dem Rückblick auf das, was war. Wir ziehen Bilanz, schließen unsere Kassen, machen schon neue Pläne und wollen vielleicht einen Moment lang einfach alles loslassen, ehe ein neues Jahr mit alten und neuen Aufgaben, mit alten und neuen Sorgen, aber sicher auch mit neuen, hoffentlich guten Erfahrungen beginnt.
Einfach mal loslassen – das wäre schön und vielleicht gelingt es uns hier und da. Das Evangelium scheint da anderes zu fordern an diesem Abend. Jesus erzählt seinen Jüngern eine Geschichte von Knechten und Mägden, die auf ihren Herrn warten, dass er nach Hause kommt. Er soll sie wachend finden – bereit für seine Ankunft, wachsam, damit Haus und Hof nichts Übles widerfährt.
Da scheint nichts zu sein mit ein paar Stunden mehr Schlaf am Neujahrstag. Das, liebe Gemeinde, mag auf den ersten Blick so sein. Wachen statt loslassen. Die müden Augen offen halten, statt zu schlummern. Ich denke, Jesus erzählt uns dies Gleichnis aus einem anderen Grund.
Wachsam sein für den Herrn ist ein Bild für etwas, was uns wohl selten gelingt. Und darum ist wohl ein solch besonderer Abend wie der heutige, ein guter Zeitpunkt, uns an die Wachsamkeit des Herzens zu erinnern.
Stille werden und hineinlauschen in das eigene Leben – der heutige Abend bietet einen Anlass dafür. Wo ist mir Gott begegnet im vergangenen Jahr? Solch ein innerer Jahresrückblick zeigt manche Wendungen im Leben, die erst in der Rückschau durchsichtig und ansichtig werden. Ein verbauter Weg, der neue Türen öffnete. Ein Schicksalsschlag, der neue Möglichkeiten bot. Eine Erfahrung, die mich weiter bringt, auch wenn sie schmerzt und weh tut. Geschenke des Alltags, kleine unbedeutende Dinge, für die wir aber dankbar sein können, doch im Augenblick blind dafür waren.
Das alles, liebe Gemeinde, ist Wachsamkeit, Lauschen auf die Schwingungen Gottes in unserem Leben. Hellhörig werden für die Geheimnisse des Lebens. Für solches Hören und Wachen brauchen wir immer wieder einen Perspektivwechsel, der es uns ermöglicht, uns selbst und unsere Welt mit anderen Augen und Ohren zu vernehmen. Die Gottesdienste laden hierzu ein, vielleicht auch die Zeit, die wir für uns selbst bereit halten, um zu hören, was da eigentlich ist, in uns und um uns herum.
Ich persönlich kann beim Radfahren ganz gut abschalten und etwas loslassen, um es mit anderen Augen sehen zu lernen. Auch dies ist vielleicht eine Art Gottesdienst, wenn ich meine Seele leer mache, aufräume, frischen Wind in den Kopf bekomme, um dann wieder wachsamer für das Leben und den kommenden Herrn zu sein. Denn in meinem Alltag entscheidet sich, ob der Herr vor verschlossenen Türen steht, weil ich seelisch schlafe oder einfach nur taub geworden bin für ihn, der zu mir kommen will.
Was haben wir ganz praktisch davon, wachsam zu sein? Auch diese Frage beantwortet Jesu Gleichnis. Die Geschichte der wachsamen Diener und Dienerinnen nimmt eine fast bizarre Wendung. Wenn der Herr sie wachend findet, dann wird er seinen Dienern dienen. Der Herr wird Diener und die Diener werden Herren. So ist es verheißen. So klingt es nach, wenn Jesus über sein Leben und Werk spricht: Ich bin nicht gekommen, um mir dienen zu lassen, sondern um selbst zu dienen. Der fröhliche Wechsel klingt auch in den Weihnachtsliedern nach, wenn es heißt: „Der Herr wird Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein. Er äußert sich all seiner G´walt und wird ein Kindlein klein.“
Für unsere praktische Alltagsbewältigung heißt das nichts anderes als: Wenn ich wachsam für Gott durch mein Leben gehe, dann werde ich reich beschenkt durch ihn. Dann wird er selbst mir Diener, wird er mir dienlich sein. Es ist wohl klar, liebe Gemeinde, dass wir Gott nie zwingen könnten, uns zu dienen. Er tut dies freiwillig, ohne unser Zutun – er tut es aus lauter unfasslicher Liebe. Doch liegt es an uns, wachsam zu sein. Mit anderen Worten – dass wir mit ihm rechnen in unserem Leben, dass er uns begegnen will. Das können Menschen sein, die uns über den Weg laufen, die uns herausfordern, klarer zu sein, in unseren Standpunkten, in unserer Liebe, in unserem täglichen Tun und Lassen. Gott ist für Überraschungen gut und er kriegt es hin, uns zu verändern, wenn wir ihm einen Platz im Herzen lassen. Wenn wir wachsam sind und auf die großen Atembewegungen der liebenden göttlichen Mächte lauschen.
Wachsam sein heißt auch, sich den Herausforderungen zu stellen, im Kleinen wie im Großen. Der Kirche im Großen steht das Amt der Wachsamkeit gut an, wenn es darum geht, wo unser Land und unsere Gesellschaft hinsteuern. Da sind Anfragen zu stellen: nach Stammzellforschung, nach Bildungsarmut, nach Sterbehilfe, nach sozialer Gerechtigkeit, nach Macht und Ohnmacht des Marktes. Um nur einige Nöte und Fragen unserer Zeit zu nennen. Es sind diese Entwicklungen kritisch, klar und wachsam zu prüfen, letztlich um die guten von den bösen Geistern zu scheiden, zu warnen, aufmerksam zu machen, damit der Herr uns nicht schlafend findet. Mit anderen Worten, damit wir nicht in die Irre gehen an einen Ort, an dem Gott nicht mehr zu finden ist.
Liebe Gemeinde, Hoffnung und Vertrauen machen uns reich. Wenn wir auf den kommenden Herrn vertrauen, werden wir beschenkt. Schon jetzt in unserem Leben, und in der Vollendung, die wir erwarten dürfen, wenn Gott alles in allem sein wird. Solche Wachsamkeit wünsche ich uns allen an diesem Abend, im Rückblick auf das Gute und das weniger Gute der Vergangenheit. Wer weiß, was daraus wird. Doch das Vertrauen auf Gott, das Raumgeben für seine Sicht der Dinge und sein Wirken an uns und in der Welt, kann uns tragen, kann uns verändern und uns helfen. Ja, Gott selbst wird uns dienlich sein, wenn wir auf ihn warten und er uns wachsam und aufmerksam findet.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen, liebe Gemeinde, einen besinnlichen Jahreswechsel, der auch Raum lässt zur Freude und zum Dank für alles, was war, für alles, was Gott uns gegeben hat. Die Wachsamkeit aber bleibe für alle Tage des kommenden Jahres und wer weiß, was in der Zwischenzeit mit uns geschieht, was wir berichten können, wenn wir uns nächstes Jahr an dieser Stelle wieder sehen. Im Vertrauen auf Gott wird es gelingen, was immer auch kommt. Amen.