Liebe Gemeinde,
im Zentrum der Predigt steht heute ein Text, der wohl zu den schönsten aber auch schwierigsten der Bibel gehört. Es ist der Vorspann zum Johannesevangelium, den wir eben gehört haben, mit seinen großen Worten: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Goethes Faust sagt hierzu: „Geschrieben steht: Im Anfang war das Wort. Hier stock ich schon, wer hilft mir weiter fort. Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen!“ Und in der Tat handelt es sich wohl kaum um ein Wort, als einer Zusammensetzung einzelner Buchstaben, die einen Sinn ergeben. Das griechische Wort für Wort heißt Logos und hat viele Bedeutungen. Denken Sie an die Biologie, die Geologie, Soziologie oder eben auch die Theologie und die Logik. Das sind Wissenschaften, die mit den Regeln und Rahmenbedingungen der menschlichen Vernunft Bilder der Welt erschaffen wollen. Wir nähern uns der Welt, wir erfassen sie mit unserer Logik, dem Verstand und der Vernunft. Da gibt es weltweit gleiche Strukturen für das, was wir Vernunft nennen. So ist es möglich, dass in Japan genauso wie in Argentinien 2 plus 2 selbstverständlich 4 ergibt. Alles andere wäre unlogisch. Logos also, die Vernunft, dieses unsichtbare Ding, an dem der eine mehr oder weniger hat, war schon vor uns da. Und doch redet der Dichter des Johannesevangeliums nicht nur von einem unpersönlichen Prinzip. Sondern von einem Gott, bei dem das Wort, die Vernunft ist, und der selbst diese Vernunft ist. Er erzählt von einem Geheimnis auf eine geheimnisvolle Weise. Er erzählt die Schöpfungsgeschichte neu. Wenn wir an den Anfang der Bibel denken, da spricht Gott: Es werde, und es ward. Gott schafft durch sein Wort. Mit anderen Worten, Gott bringt Struktur in die Finsternis und das Chaos. Er bringt Licht und Klarheit in die Dinge, so dass 2 und 2 tatsächlich 4 ergeben können. Wo Licht ist, da ist der Weg vor Augen. Gott schafft durch sein Wort, und er ist selbst das schaffende Wort. Hierin steckt das Geheimnis, dass wir Gott nicht so einfach ausrechnen können, wie die Gleichung 2 plus 2, sondern nach seiner Selbstoffenbarung Ausschau halten. Wir ahnen Gott in der Welt, in dem, was sein Wort schuf, doch geht er darin nicht auf. Er ist das schöpferische Wort, der Gedanke, der hinter allem steckt und ist es doch nicht selbst, sondern er spricht es.
Liebe Gemeinde, denken wir an unsere eigenen Worte. Worte können eine ganze Welt in unseren Gedanken erschaffen. Mein Sohn liest zur Zeit die Trilogie von „Tintenherz“. In diesem modernen Märchen geht es darum, dass Worte das Gesprochene Wirklichkeit werden lassen. Die Geschichte, die vorgelesen wird, die Figuren daraus werden leibhaftig, gegenständlich. Es ist gut, dass es nur ein Märchen ist. Denn unsere Worte bringen nicht immer Gutes hervor. Und auch in besagtem Buch wird diese Fähigkeit nicht zur Gnade sondern zum Fluch. Wenn jedes böse Wort eine Gestalt annähme, wäre unsere Erde wohl ein finsterer und böser Fleck. Wenn ich sage, dass unsere Worte Welten erschaffen, so nehmen wir z.B. das Wort Zukunft. Wenn wir dieses Wort nicht hätten, bliebe in unseren Gedanken gar kein Platz für das, was kommen wird. Wenn wir das Wort Zukunft aussprechen, so hat jeder eine Vorstellung davon – eine verheißungsvolle hoffentlich, mancher vielleicht eine weniger helle. Doch werden in uns Bilder wach beim Gedanken an eine Zukunft. Dennoch bleibt es etwas jenseits von uns, etwas Ungegenständliches, das durchaus anders sein kann, als wir es uns vorstellen. So ist es auch mit Begriffen wie Leben, Tod oder dem Wort „Gott“. Dass es ein solches Wort wie Gott gibt, hat man lange als Hinweis darauf gesehen, dass es so etwas, was dieses Wort meint, auch tatsächlich gibt. Wir Menschen sind in der Lage über das, was uns vor Augen ist hinaus zu denken – unsere Zukunft, unsere Hoffnung, unser eigenes Sterbenmüssen, Gott. Es ist nicht verfügbar und doch ist es da. Das große Wunder nun ist aber, dass Gottes Wort, das schöpferische Prinzip der Welt, die lebendige Kraft, selbst sich offenbart hat. Und so heißt es: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit. Und wenig vorher heißt: Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn gemacht, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden. Liebe Gemeinde, wenn wir so wollen, ist die ganze Heilsgeschichte in diesen wenigen Worten präsent. Das macht das Großartige dieser Dichtung aus. Gott schuf mit seinem Wort die Welt. Und das Wort selbst wurde Welt in Jesus. Gott kam in sein Eigentum, doch die Finsternis hat das Licht nicht ergriffen. Diejenigen aber, die ihn Gott in Jesus Christus aufgenommen haben und ihn noch heute aufnehmen, diese sind Gottes Kinder, Kinder des Lichts. Ein weiter Bogen in wenigen Worten. Von der Schöpfung bis zu uns nach Hg/Ww/Fs. Die Fleischwerdung, das Kommen in die Niederungen dieser Welt ist die große Weihnachtsbotschaft. Und wir hören zwischen den Zeilen heraus, warum das Wort Fleisch wurde: damit es auf neue Weise die Finsternis erhelle. Wie Gott anfangs Licht und Dunkel trennte, die Strukturen ordnete, dem Leben eine Richtung gab, so sollte sein fleischgewordenes Wort, unter den Menschen sein, um diese zu erretten vor der Finsternis, in der sie gefangen sind, weil sie die Vernunft, den göttlichen Atem, das Licht noch nicht ergriffen hatten. Wer diesen Jesus erkennt und in ihm das Licht einer größeren Macht, der sieht seine Herrlichkeit. Wer erkennt, dass er mit seinem Leben, seiner Lehre und seinen Taten einen neuen Weg einschlug, ein neues Bild des Menschseins vorlebte, der wird in ihm größeres sehen lernen, als das Bild eines jüdischen Lehrers oder Propheten, der erkennt in ihm Gott selbst. Greifbarer und menschlicher hätte Gott nicht zu unseren Herzen und Seelen sprechen können als durch Jesus, sein lebendiges Wort.
Es ist eine höhere Vernunft, die in der Welt waltet als die, die uns sagt, dass 2 und 2 4 sind. Es ist das Geheimnis des Lebens, dass einer unfassbaren Liebe entspringt. Davon kündet Jesus als Erwachsener, davon singen die Weihnachtslieder, dass das Geheimnis und Wunder des Lebens schon in diesem Kind in der Krippe sichtbar ist. Es ist das wahre Licht, kein bloßer Schein, kein Blitzlicht, sondern das wahre Licht. Es ist zart und viele übersehen es, doch die es ergreift, führt es zu Gott selbst. Das, liebe Gemeinde, ist das Wunder der Weihnacht. Ich wünsche uns, dass das wahre Licht unsere Herzen erleuchtet, dass wir es aufnehmen und nicht gleich wieder zum Alltag übergehen. Denn das Wunder, dass Gott Mensch wurde, damit wir Kinder Gottes werden, ist ein Wunder für jeden Tag des Jahres, nicht nur zur Weihnachtszeit. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Familien geruhsame und besinnliche Tage, die uns spüren lassen, was wirklich wichtig ist, Gnade und Wahrheit, Frieden und Erlösung. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.