Samstag, 31. Januar 2009

Predigt 3.Sonntag nach Epiphanias / 25. Januar 2009 - Mt 8, 5-13

Liebe Gemeinde,
ich möchte heute eine Frage in den Raum stellen, die es in sich hat: Was trauen wir Gott eigentlich noch zu? Trauen wir uns noch, ihn um etwas zu bitten oder ist es uns peinlich zu beten, weil wir insgeheim daran zweifeln erhört zu werden? Wem trauen wir überhaupt noch etwas zu? Autoritäten haben es schwer in dieser Zeit. Das sehen wir am Vertrauensverlust auf der ganzen Linie – wir misstrauen den Parteien und Politikern, den Wirtschaftsbossen, den Lehrern und Ärzten, ja letztlich gar den Pfarrern. Vertrauensverlust auf der ganzen Linie. Wem trauen wir noch etwas zu? Wem geben wir unser Vertrauen?
Eben haben wir das Evangelium vom Hauptmann aus Kapernaum gehört. Der hat Vertrauen, ein Vertrauen, bei dem uns, bei dem sogar Jesus ganz schwindlig geworden ist. Dieser römische Offizier kommt zu Jesus und bittet ihn für seinen kranken Knecht. Es ist eine höchst merkwürdige Begebenheit – der Besatzer, der Heide, der Profi von Befehl und Gehorsam, der Spezialist in Sachen Krieg kommt zum jüdischen Zimmermann und Prediger mit einer Bitte. Er setzt sein Vertrauen in diesen Mann, von dem er wohl schon viel gehört hat. Er traut ihm zu, dass er ihm helfe.
Jesus reagiert verunsichert. Seine Antwort ist eher eine Frage: Und ich soll kommen und deinen Knecht gesund machen? Der Offizier entgegnet: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund! Und diese Ehrerbietung, diese Demut des mächtigen Mannes, wundert Jesus – so steht es geschrieben. Es wundert ihn. Und so wird der Glaube dieses Mannes, seine Unterwerfung, seine Demut, das eigentliche Wunder dieser Geschichte. Die Heilung ist Nebensache – sie wird nur beiläufig erwähnt: Zur selben Stunde wurde sein Knecht gesund. Der Hauptmann wird wohl erst zuhause erfahren haben, ob Jesu Wort Wirklichkeit wurde. Er verzichtet auf einen Beweis. Er glaubt, obwohl er nicht sieht. So sagt es Jesus mit Blick auf alle kommenden Generationen, als der ungläubige Thomas in seine – des Auferstandenen – Wunden fasst: Selig sind, die nicht sehen, und doch glauben.
So wird, liebe Gemeinde, dieser Soldat ein Vorbild des Glaubens. Glauben und Vertrauen ist eine schwere Sache. Es liegt für mich einiges aktuelles in dieser Geschichte. Bedenken wir, welch große Hürde für diesen Hauptmann der Weg zu Jesus und seine Bitte war. Er vertraut sich an, dem fremden Prediger. Er vertraut sich der Macht eines Gottes an, den er nicht kennt. Wieviel Hürden und Grenzen musste er wohl überwinden, um zu Jesus zu kommen, den Schritt auf ihn zu zu wagen? Seine Herkunft aus einer anderen Kultur, seine Standesdünkel als Besatzer und Befehlshaber der Juden, seine eigene Religion vielleicht, sein System von Befehl und Gehorsam, seine Scham. Was hier so leicht klingt, da kam einer und bat Jesus, das ist alles andere als leicht.
Und so sind wir wieder bei der eigentlichen Frage an uns alle: Was und wem trauen wir eigentlich? Ist es für uns selbstverständlich, zu Jesus zu gehen und ihn um etwas zu bitten – im Bewusstsein, dass nur er uns helfen kann? Wir tun uns schwer mit dem Vertrauen. Vielleicht auch deshalb, weil Vertrauen oft enttäuscht wurde. Todsichere Aktienpakete, die am Ende nicht einmal das Papier wert sind, auf dem sie stehen. Autoritäten und Staatsmänner, die das Volk in den Endsieg oder die klassenlose Gesellschaft führen wollten. Politiker, die vor der Wahl versprechen und hinterher sagen: Was interessiert mich mein Gerede von gestern?
Hier ist es verständlich, dass wir gelernt haben, misstrauisch zu sein. Dass wir hoffentlich nicht mehr so leicht verführbar sind und jeder Verheißung zu folgen. Und dennoch brauchen wir Vertrauen – zu denen, die uns nah sind, wir brauchen Menschen, auf deren Wort wir zählen können und wir brauchen vor allen Dingen Vertrauen auf Gott. Ein solches Vertrauen, wie der römische Militär Jesus entgegen bringt. Solches Vertrauen, solche bedingungslose Hingabe, gibt es nur dem gegenüber, der selbst ohne Bedingung ist, dem ewigen Gott, der höchsten denkbaren Autorität. Doch ist dies keine Macht, die uns enttäuscht. Es ist auch keine Autorität, die ihre Macht missbraucht oder uns tyrannisiert. Denn sie ist uns zugewandt und heilsam, wenn wir ihr vertrauen. Es ist die umfassende Liebe.
Der römische Hauptmann – ein Vorbild des Glaubens. Und doch müssen wir eine Einschränkung machen. Es heißt nicht, wenn wir Gott um etwas bitten, und es nicht geschieht, dass dann unser Glaube zu klein, zu ängstlich oder zu schwach ist. Es wäre fatal, wenn dies die Botschaft ist, die wir mitnehmen aus dieser Geschichte. Jeder Glaube ist ein Wunder. Das Kreuz des Glaubens ist es aber, dass nicht unser Wille geschehe, sondern dass Gottes Wille geschehe. Mit dem Vertrauen auf Gott können wir nicht jede Krankheit heilen, doch aber lernen, mit der Krankheit besser zu leben. Wir können nicht die geliebten Menschen erwecken, die der Tod uns nahm. Doch können wir Hoffnung erfahren, dass wir uns wieder sehen und können den Tod annehmen und mit ihm leben. Jesus sagt nicht zum Hauptmann: Dir geschehe, wie du willst! Sondern: Dir geschehe, wie du geglaubt hast! Du hast bedingungslos vertraut, dass Gott dir helfen wird, dass ich es bin, der dir und deinem Knecht helfen kann, so soll es geschehen.
Es lehrt uns also auch noch ein zweites, dieses Glaubensvorbild des Hauptmanns. Jeder kann zu Gott, kann zu Jesus finden. Er braucht keine Vorbildung, kein Wissen aus der Bibel, er braucht nur den Glauben, er braucht Vertrauen in den, der mächtiger ist als die größte Armee der Welt, den König der Könige, in dem allein das Heil liegt. So wird Jesu Begegnung mit dem Römer zugleich zur Verheißung für die vielen vielen Völker, die später von Jesus hören werden und ihn im Glauben als den Herrn erkennen und bekennen – die aus dem Osten und aus dem Westen kommen, um in Gottes Reich am Tisch zu sitzen. Der Hauptmann ist der erste Heide, der Jesus vertraut. Und dies eben ganz ohne Vorbehalt. Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund! Martin Luther hat diesen Mann einen Theologen genannt, einen, der von Gott redet. Dafür brauchte er nicht jahrelanges Studieren, sondern sein Vertrauen in Gott ist die eine große Wahrheit, die Gott uns abverlangt und sucht. Der Hauptmann redet von Gott und wir können uns fragen lassen, ob wir ebenso von Gott und mit Gott reden: Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sprich nur ein Wort, so wird mein Leben heil. Darin, liebe Gemeinde, liegt die ganze Theologie. Gott ist Herr. Ich bin voller Schuld. Doch ich vertraue Gott. So macht er mich heil.
Und so schließt sich der Bogen und wirft ein Blick auf das Heilige Mahl, dass uns sichtbar und unsichtbar zugleich mit Jesus verbindet. Zu ihm können wir gehen, ihm können wir vertrauen. Ich weiß, das ist schwer – jemandem vertrauen, vielleicht jemandem, dem wir nichts zutrauen, weil wir enttäuscht sind. Doch wünsche ich uns, dass wir in unserem Herzen zu ihm manchmal sagen lernen: Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele heil, so wird mein Leben gelingen. Denn dein ewiger Wille geschehe. Und nur du, Herr Jesus, kannst mir helfen. Trauen wir dem Wort, das Gott zu uns spricht, dem lebendigen Wort, welches Jesus genannt wird. Amen.