Liebe Gemeinde,
auf einem Berg zu stehen ist schön. Zwar haben wir im Thüringer Wald nicht allzu hohe Berge, doch auch das Gefühl auf dem Inselberg zu stehen, kann überwältigend sein, vorausgesetzt das Wetter ist gut und die Sicht ins Land. Berge spielen in den Religionen der Menschheit stets eine wichtige Rolle. So war eben auch der Inselberg in vorchristlicher Zeit ein heiliger Ort, wie auch der Alteberg, auf dem der „Alte“, also Wotan, auf dem Berg vermutet wurde. Schauen wir auf unsere ureigene christlich-jüdische Tradition, so kommt uns mancher Berg in den Sinn. Der Berg Sinai zum Beispiel, auf dem Mose die Grundregeln der Freiheit erhielt. Auf eben diesem Berg offenbarte sich Gott auch seinem Propheten Elia. Nicht im Sturm oder im Feuerblitz war er, sondern in dem leisen Säuseln des Windes. Jesus hielt seine bedeutenste Predigt auf einem Berg, die Bergpredigt und wurde gefangen auf dem Ölberg bei Jerusalem, gekreuzigt auf dem Berg Golgatha.
Berge haben etwas besonderes, Anziehendes für uns Menschen. Der Blick ändert sich, wenn über einem der Himmel sich weitet und unten die Landschaften uns zu Füßen liegen. Manche Sorge vielleicht, die uns bedrückt, mag von da oben anders sich dartun. Vom Inselberg z.B. sieht man ja auch unsere Dörfer hier an der Hörsel. Wie klein und weit weg wird dann mancher Ärger und manche Not, die wir mit diesen Orten einmal haben, ebenso klein und eingebettet in ein größeres Ganzes, das wir Welt oder Schöpfung nennen.
Liebe Gemeinde, auch wir werden heute gedanklich auf einen Berg geführt. Im Evangelium haben wir die Geschichte von Jesu Verklärung gehört. Auch sie spielt auf einem Berg, auf einem Gipfel und dies nicht nur im wörtlichen Sinn, sondern diese sonderbare und zunächst geheimnisvolle Begebenheit ist etwas wie ein kleiner Gipfel im Leben Jesu, aber besonders im Leben der Jünger und damit aller, die Jesus als ihren Herrn bekennen.
Nur noch einmal kurz die Beschreibung der Situation. Jesus nimmt seine drei engsten Vertrauten, Petrus, Jakobus und Johannes mit auf einen Berg. Welcher Berg dies sei, erscheint dem Evangelisten Matthäus belanglos, auch wenn vieles darauf hinweist, dass es der Berg Tabor in Galiläa war. Doch die Kennzeichnung des Ortes als Berg weist uns darauf hin, dass es eben ein besonderer Ort war – abgeschieden von der geschäftigen Welt. (Es gibt wohl kaum Verkehrswege die über Berggipfel führen.) An eben diesem Ort geschieht etwas Sonderbares. Jesus wird verklärt. Das gibt der Phantasie viel Raum zur Ausschmückung. Seine Kleider wurden hell wie das Licht, und sein Antlitz strahlte wie die Sonne. Mose und Elia, die beiden größten Gestalten der jüdischen Religion treten herzu, erscheinen.
Im griechischen Original heißt der Begriff, den Luther mit Verklärung übersetzte, Metamorphose. Dieses Wort kennen wir alle aus der Biologie z.B. Eine Raupe hängt an einem Blatt, kroch zuvor im Dreck, bildet eine seltsame Puppe, der Kokon, wie ein Sarg, um schließlich neu zu erstehen in völlig anderer Gestalt. Ein Schmetterling, farbig und leicht, fliegt und wiegt sich im Wind. Nicht umsonst ist dieses eindrucksvolle Schauspiel der Natur zu einem Symbol für die Auferstehung geworden. Jesus erfährt vor den Augen der Jünger eine Metamorphose, was wir deutsch eher als Verwandlung übersetzen würden. Wer weiß, ob es für andere sichtbar war oder nur für die glaubenden Herzen der Jünger. Jedoch hat es einen Stellenwert für die erste Christengemeinde in der Art gehabt, dass sie es weiter erzählten und aufschrieben, so wie Jesus es ihnen geboten hatte, erst davon jemandem zu sagen, wenn er durch seinen Sühnetod hindurch zum ewigen Vater zurück gekehrt sei.
Die drei überwältigten Jünger sehen den Lichtglanz – mit anderen Worten: ihr Herr und Meister stellt sich ihnen neu dar, er erscheint in anderem Licht, wie eben so manches gerade auf einem Berg in anderem Licht erscheinen kann. Es ist ein spiritueller Durchbruch könnte man sagen oder eine Vision. Ein Moment des Gipfels, ein Moment der Klarheit und Fülle, wie es sie selten in unserem Leben gibt. Doch kennen wir sie alle, wenn wir nur genau hinschauen – die seltenen Momente der klaren Erkenntnis, der Verwandlung. Nach einer schweren Krankheit wieder vollständig zu genesen, nach einem zähen und sinnlosen Streit die befreiende Versöhnung, nach schweren Tagen des Kummers und der Trauer, dann der erste Tag, an dem wir die Welt wieder mit klaren Blicken anschauen können, wie neu geboren; oder wenn wir etwas nach langer Suche finden, die Lösung zu einem Problem. Solche Momente tragen Verwandlung in sich, lassen uns wie verwandelt sein. Solche Momente sind wichtig für uns und geben uns Kraft, Gewissheit und Lebenssinn. Ganz ähnlich ist es mit religiösen Erfahrungen und Erlebnissen. Wenn Gott zu unseren Herzen spricht und wir ihn hören mit unserem Gefühl. Das passiert nicht jeden Sonntag, sondern vielleicht in Situationen, wenn wir gar nicht damit rechnen.
Ganz elementar und überwältigend war die Verklärung oder Verwandlung Jesu für die Jünger. Es war so, dass sie den Anblick nicht ertragen konnten, ihre Gesichter verdeckten und erst wieder aus ihrer Furcht entkamen, als Jesus sich ihnen zuwendete und sie berührte mit dem Satz auf den Lippen: Fürchtet euch nicht. Dies, liebe Gemeinde, ist – wie ich finde – wohl einer der eindrücklichsten Sätze der Bibel und wir hören und lesen ihn an vielen Stellen: Fürchtet euch nicht! Fürchte dich nicht!
Und es ist dieser Jesus, der auch uns berührt, der auf Menschen ohne Vorbehalte zugeht, der heilt, was krank und ausgestoßen ist, der Gemeinschaft stiftet, der mitlebt und mitleidet und darin uns Gottes Liebe vor Augen malt.
Und damit kommen wir zum eigentlichen Kern dessen, was uns diese Verklärungs- bzw. Verwandlungsgeschichte mitgeben will. Es ist dies – und hier müssen wir uns auf die Seite der Jünger schlagen, um den Lernprozess nach zu fühlen. Wir können die Momente des Gipfels, die hohen Momente nicht festhalten. Jesus reagiert gar nicht auf das Ansinnen des Petrus. Herr, hier ist ein guter Ort, Lass uns hier drei Hütten bauen. Das heißt doch: Wir können uns in den großen Momenten des Lebens nicht einrichten, wie in einem Haus. Sie sind wichtig und möglicherweise gar lebensnotwendig, sie erst lassen uns das Heilige erst erahnen. Doch unser Alltag sieht anders aus. Und gerade in diese Tiefen steigt Gott hinab. Auch dort ist er mit uns. Und was noch entscheidender ist – im Alltag wird der Glaube, wird das einmalige Erleben des Geheimnisses Gottes auf die Probe gestellt.
Jesus steigt vom Berg der Verklärung hinab, geht wieder in das alltägliche Geschäft hinein, begegnet der Welt und ihren Menschen, stößt mit seiner Liebe auf Widerstand und zerbricht an den Sünden dieser Welt, unseren Sünden. Er leidet und stirbt um neu zu erstehen. Und so ist die Verklärung Jesu, ein kurzer Augenblick nur, ein Vorgeschmack auf Ostern, vielleicht gar auch ein Weg, Ostern zu verstehen – der Augenblick der Vollendung, den wir festhalten wollen, der doch aber erst in Gottes Ewigkeit tatsächlich bestehen bleibt.
Das Entscheidende ist also der Gegensatz, dass der Verklärte und Erhöhte zunächst seinen Weg in die Niedrigkeit gehen muss, dass Gott selbst sich hineingibt in menschliches Erleben, in unsere Nöte und Sorgen, in unseren Schmerz, letztlich gar in unseren Tod hinein. Denn erst dort wird Gottes Liebe ganz und gar verstehbar, dort erst erreicht Jesu Weg sein Ziel. Vielleicht auch darum, damit wir alle diesen Moment vor Augen haben können, besser als der geheimnisvolle Lichtglanz ist das Kreuz. Das Kreuz, die Stunde seines, unseres Erlösers, Todes. Das ist ein Bild, das bleibt, weil wir es kennen. Weil wir wissen, was Tod bedeutet.
Ein Bild der Verklärung – wenngleich viele Maler es versucht haben, nachzuempfinden, wird immer nur eine Annäherung sein an etwas, das wir weder mit Worten noch mit Farben ausdrücken können, denn diese Momente bleiben ein Geheimnis, Gott selbst bleibt ein Geheimnis. Das ist ja allen Epiphanien, Gottesbegegnungen, von denen Menschen berichten, von denen wir in der Bibel lesen, gemeinsam. Gott selbst ist niemals sichtbar – nur in Zeichen, Hinweisen und Medien – im brennenden Dornenbusch, im säuselnden Wind, in Engeln und am handgreiflichsten in dem Menschen Jesus. Selig, wer die Zeichen zu deuten weiß.
Jesus steigt herab aus der Verklärung, er kommt vom Berg hinab. Die königliche Epiphaniaszeit geht zu Ende und die Vorfastenzeit beginnt, Jesu Weg in die Passion. Hier liegt die eigentliche Botschaft der Verklärung. Freilich wünschen wir uns den strahlenden Siegesgott, der unsere Anbetung ganz automatisch erzwingt. Freilich wünschen wir uns Gewissheit. Doch begegnen wir Gott viel konkreter in unserem Alltag, begegnen ihm in Jesus, der in vielem uns so nahe, so ganz und gar menschlich ist. Denn dort im Alltag ist er auch, der unsere Schmerzen und Ängste kennt, der uns berühren und trösten will, der auch unsere Freude und unser Glück teilt und trägt. Gott wohnt nicht nur auf einem heiligen Berg, er ist mitten unter uns durch Jesus, sein lebendiges Wort.
Liebe Gemeinde, ich wünsche uns Erfahrungen der besonderen Art, die dem Verklärungserlebnis gleich kommen. Doch können wir sie weder erzwingen, noch festhalten. Das Entscheidende ist die Zuwendung Gottes zu uns, sein Herabkommen in unsere kleine Welt. Dies nicht nur zu wissen, sondern es auch zu spüren, das gebe Gott jedem von uns. Denn das macht uns tatsächlich frei und lebendig, wenn wir es zulassen. Amen.