Samstag, 31. Januar 2009

Predigt Epiphanias (6. Januar) 2009 - Mt 2, 1-12

Liebe Gemeinde!
In einem Märchen steckt meist mehr Wahrheit, als in jedem Zeitungsartikel, den wir lesen. Eine tiefere Wahrheit, die uns in unserem innersten Wesen trifft. Eine Wahrheit, die oft so einfach und ursprünglich daherkommt, dass wir sie nicht sehen wollen. Eine dieser Wahrheiten ist die Hoffnung, die in Märchen geweckt wird. Die Hoffnung, dass alles “gut” wird, dass alles im Leben seinen Sinn und seine Zeit hat, dass jeder am Ende seinen gerechten Lohn empfängt. Bei einem Märchen liegt die Wahrheit also nicht darin, dass die Geschichte so oder ähnlich stattgefunden hat. Ein Märchen spricht für sich.
Auch wir haben in der heutigen Lesung des Evangeliums in gewisser Weise ein Märchen gehört: die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland. Sie kamen um das neugeborene Jesuskind zu besuchen, anzubeten und ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe zu schenken. Die meisten von Ihnen kennen die Geschichte, zumeist in ausgeschmückter Form. Da sind es die drei heiligen Könige Kaspar, Melchior und Balthasar. Das erinnert an die drei Königssöhne oder die drei Brüder, die in so vielen Märchen ihr Vaterhaus verlassen, um Aufgaben zu erfüllen, damit schließlich einer von ihnen die Königstochter und ein halbes Königreich gewinnt. Die Phantasie der christlichen Völker wußte noch mehr von den drei heiligen Königen in unserer Geschichte zu berichten. Den ersten von ihnen stellten sie sich bärtig vor, den anderen eher jugendlich, der letzte schließlich war von dunkler Gestalt. Auch der Stern, dem die Könige folgten, wird weiter getragen in der Tradition der Adventssterne. In der Vorweihnachtszeit erstrahlen sie in vielen Fenstern und Zimmern. Sie symbolisieren die freudige Erwartung des bevorstehenden Festes. Sie bringen Licht ins Dunkel unserer Winterabende.
Die Geschichte ist also bekannt und doch eigentlich nicht. Denn bei dem Evangelisten Matthäus, der als erster diese Geschichte aufschrieb, gibt es keine drei Könige, es gibt nur eine unbestimmte Menge von weisen Männern, die aus einem Nirgendwo im Osten kamen und in ein Nirgendwo wieder verschwinden. Aber solche Unterschiede müssen uns nicht interessieren. Wenn Matthäus das wichtig gewesen wäre, hätte er sich mehr bemüht, uns, den Lesern und Hörern, Namen, Herkunft, Aussehen der Weisen näher zu bringen. Ich sagte, In einem Märchen steckt meist mehr Wahrheit als in jedem Zeitungsartikel. Fragen wir also nach der Wahrheit, nach dem tieferen Sinn dieser Geschichte. Halten wir inne und versuchen der tieferen Wahrheit, die uns betrifft, nachzufühlen. Die Geschichte von den Weisen, die zu Jesus aus dem Nirgendwo kommen, ist unsere Geschichte.
Sehnsucht steht am Anfang jeder religiösen, jeder inneren Geschichte. Eine Geschichte erzählt von Veränderungen. Am Anfang ist immer alles dunkel und kompliziert. Da herrscht meist eine Situation, die hoffnungslos erscheint, aus der das Märchen herausführen will. Eine Situation, die nach Erlösung schreit. Hänsel und Gretel werden allein im Wald zurückgelassen. Goldmarie wird trotz ihres Fleißes von ihrer Schwiegermutter geplagt usw. Welche Sehnsucht steht nun am Anfang der Wanderung der weisen Männer aus dem Morgenland? Es ist doch wohl die Sehnsucht nach Erlösung, die Erwartung, dass das, wovon der Stern ihnen zeugt, entscheidende Bedeutung für ihr Leben und das Leben aller Menschen gewinnen wird. Warum rede ich von Sehnsucht, warum von Veränderung? Vielleicht hilft ein Gedanke, den der Bühnenautor Ionesco einmal äußerte: “Im Kreise gehen die Menschen, im Käfig ihres Planeten, weil sie vergessen haben, dass man zum Himmel aufblicken kann.”
Dieser Gedanke kann uns vielleicht aufschließen, worum es bei den Weisen aus dem Morgenland geht: Erlösung, inneres Freiwerden, der Beginn eines Neuen. Die Weisen aus dem Morgenland waren auf der Suche nach Erlösung. Es ist eine Sehnsucht nach etwas, das man verloren hat, nach etwas, das das Leben trägt, das nicht zerbricht an den Ecken und Kanten unseres Lebens. Eine Sehnsucht nach etwas, das uns über unsere enge und oft finstere Welt hinausweist auf eine Bestimmung, die alles in neuem Licht erstrahlen lässt. Nicht von Ungefähr lässt Matthäus hier weise Männer, Magier, aus fernen Ländern auftreten. Er will damit deutlich machen, dass jeder Mensch zu jeder Zeit und an jedem Ort der Erlösung bedarf und auf der Suche nach ihr ist. Gottes neue Wirklichkeit, die sich Geltung verschaffen will in der Welt, gilt allen. Es bedarf keiner besonderen Begabung, keiner speziellen Herkunft, keines Vorwissens. Selbst am äußersten Ende der Welt sind die Menschen auf der Suche. Sie laufen im Kreis, im “Käfig ihres Planeten, denn sie haben vergessen, dass man zum Himmel aufblicken kann”.
Die weisen Männer haben zum Himmel hinaufgesehen. Sicher taten sie es nicht zum ersten Mal. Aber was sie dort sahen, war anders, anders als die Sterne, die sie vorher sahen. Etwas hatte sich verändert. Alles erstrahlt in einem anderen Licht. “Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.” sagen die Weisen, als sie in Jerusalem eintreffen. Der Stern steht für das, was in den Herzen der weisen Männer selbst angefangen hat. Der Stern ist bereits vor ihrem Aufbruch in das unbekannte Land da. Er gehört bereits zum Weg. Er ist das innere Licht, das unbestimmte Gefühl, die träumerische Ahnung, dass die Antwort auf all ihr Fragen dort auf sie wartet, wo dieses innere Licht sie hinführen wird. Es wird sich etwas verändern in ihnen, mit ihnen. Die Weisen hörten auf ihre innere Stimme. Sie folgten dem Licht, das in ihnen angefangen hatte, zu scheinen. Sie folgen ihrem Stern.
Doch ihr Weg führte zunächst scheinbar in die Irre, an einen Ort, wo der Stern, ihr Wegzeichen unsichtbar wurde, unsichtbar selbst für sie. Die weisen Männer kommen nach Jerusalem. Sie kamen dorthin, wo die Zentralen von Macht, Bildung, Reichtum und Einfluss sind. Es ist der Ort, wo die Weisen vermuten, dass dort sich große Veränderungen, neue Perspektiven zuerst Bahn brechen werden. Sie werden enttäuscht. Statt einer neuen heiligen Wirklichkeit treffen sie auf einen verängstigten König. Sie treffen auf religiöse Gelehrte, denen der Blick für das Wesentliche abhanden gekommen ist, in denen kein Stern mehr erstrahlt. Sie treffen eine in sich selbst ruhende Wirklichkeit, die sich über das Machbare, über Leistung definiert. Die Weisen sind scheinbar wieder in dem “Käfig ihres Planeten” angekommen, aus dem sie durch den “Blick zum Himmel” herausgeführt wurden. Doch diese erneute Konfrontation mit der nüchternen, vermeintlich einzig wirklichen Wirklichkeit ist notwendig. In Jerusalem erfahren die Suchenden mehr über ihr Ziel. Sie erfahren noch einmal mehr: Was sie suchen, ist in dem vergänglichen Glanz von Macht und Kalkül nicht zu finden. Was sie suchen, ist anders, es ist “nicht von dieser Welt”. Auch Herodes spürt plötzlich, dass seine Macht vergänglich ist. Hatte er sich vergeblich bemüht? Über wie viele Leichen ist er gegangen und wird noch gehen, um König zu sein? Herodes sieht es in den glühenden Blicken der Gottessucher: Das, was diese Menschen suchen, fragt nicht nach seiner Macht. Was diese Menschen suchen, stellt alles in Frage.
Der Stern, den Gott in den weisen Männern entzündet hat, führt auf geradem Wege hinaus aus dem Käfig der großen Stadt, hin in den kleinen, unbedeutenden Ort am Rande der großen Geschäftigkeit. Der Weg war nicht umsonst. In einem Kind erkennen die Weisen die neue Wirklichkeit, die Gott für alle Menschen will. Sie blicken auf zum Himmel. Ich habe mich oft gefragt, was es mit der Anbetung eines frisch geborenen Kindes auf sich hat. Ob die Weisen nicht vielleicht enttäuscht sind, ob nicht ihre Erwartungen etwas anders waren? Offenbar sind sie nicht enttäuscht. Matthäus berichtet in diesem Moment von keinem Reden, Diskutieren. Als sie das Haus betreten und das Kind sehen mit seiner Mutter, spricht niemand mehr. Sie knien nieder und beten in aller Stille das Kind an. Das Kind symbolisiert nicht nur das Neue, das Formbare, das nach unseren menschlichen Maßstäben Unfertige. Es offenbart sich den Weisen zunächst in dem Kind die Möglichkeit des eigenen Neuanfangs. Kinder werden geliebt, ja angebetet, obwohl sie nichts geleistet haben. Kinder müssen sich ihre Liebe nicht verdienen, sie fließt ihnen unverdient zu. So wird ihnen das Kind zum Zeichen für Gottes bedingungslose Liebe.
Es ist klar, niemand der Anwesenden kennt den Jesus, so wie wir ihn kennen: den Jesus der Bergpredigt oder der Gleichnisse, den Heilenden, letztlich den Jesus von Kreuz und Auferstehung. Den Vollkommenen, der die Unvollkommenheiten der Menschen auf sich lud und unschuldig an den Gitterstäben unseres Käfigs zerbrach und den Käfig gerade dadurch überwand. Das alles steht noch aus, in diesem Moment, den wir uns gerade vor Augen führen. Wir Christen feiern zu Weihnachten die Erscheinung einer neuen Wirklichkeit, die Erscheinung Gottes, dem Ursprung und der Tiefe allen Lebens in einem kleinen Menschenkind.
Das Ereignis bleibt für die Weisen nicht ohne Folgen. Entgegen der Abmachung, die sie mit Herodes trafen, kehren sie nicht wieder in die große Stadt zurück. Ihr Leben, ihr Weg hat eine Veränderung erfahren. Die Weisen haben nun endgültig verstanden, dass die Welt des Herodes nun keine Macht mehr hat. Sie ist vergänglich. Wer vor dem Kind gekniet hat, wem das Heilige in der schlichten Reinheit eines neugeborenen Lebens erschienen ist, ist frei, frei von den Zwängen und Vergänglichkeiten dieser Welt. Er hat sich selbst, sein Leben, sein Menschsein vor Gott wieder gefunden. Er hat aus seinem Käfig herauf zum Himmel geblickt.
Zu Beginn meinte ich, die Geschichte der sternkundigen Weisen ist unsere Geschichte. Sie geschieht jeden Tag, an jedem Ort unseres Planeten. Sie geschieht jeden Tag neu und anders. Durch Jesus den Erlöser kann uns aufleuchten, dass das, was ist, nicht alles ist. Behalten wir diese weihnachtlichen Bilder noch ein wenig in unseren Herzen. Gott will sich finden lassen. Und Gott lässt sich finden, er führt uns selbst zu sich hin. Oft auf Umwegen.
Aber es liegt auch an uns, wir müssen uns selbst auf den Weg machen. Ein jeder folge seinem Stern, den Gott uns eingepflanzt hat. Lassen Sie uns den Blick für seine Zeichen, das Hören auf unsere innere Stimme, auf unsere Träume nicht verlieren. Vielleicht sind wir der Gewissheit, dem Licht oft näher, als wir glauben. In das neue Jahr mit seinen Aufgaben, Anstrengungen und Veränderungen hinein kann uns die Geschichte begleiten. Mögen auch wir versuchen, neue Wege zu gehen. Wir, die wir wie die Weisen an Weihnachten das Kind in der Krippe angebetet haben. Für die sich der Himmel öffnete im Schein der Kerzen, im Kreise unserer Lieben. Im Spruch dieser Woche heißt es: “Die Finsternis vergeht, das wahre Licht scheint jetzt.” Vergessen wir nicht, öfter mal zum Himmel zu blicken, damit wir nicht wieder nur im “Kreis gehen, im Käfig unseres Planeten”. Möge der Stern von Bethlehem, das Licht der Erlösung in unseren Herzen das ganze Jahr leuchten und uns den Weg zu einem gelingenden Leben weisen. Amen.