Mittwoch, 29. April 2009

Predigt Quasimodogeniti 19. April 2009 - Der ungläubige Thomas

Liebe Gemeinde,

wo kämen wir hin, wenn wir alles glauben würden, was uns jemand sagt? Wenn ich Ihnen jetzt erzählen würde, ich hätte ein rosafarbenes Wildschwein auf dem Kirchendach gesehen, als ich hierher fuhr, was wäre dann? Würden Sie mir glauben? Oder würden Sie nicht viel eher sagen: Der spinnt aber heute unser Pfarrer. Das glaube ich erst, wenn ich es selbst gesehen habe, das rosafarbene Wildschwein auf dem Kirchendach. Wenn nun neun andere ebenso das rosafarbene Wildschwein gesehen hätten, und Sie selbst nicht. Selbst dann würde die Sache trotzdem ähnlich sein. Der Zweifel daran, ob es so etwas wie rosafarbene Wildschweine tatsächlich gibt und ob sie noch dazu in der Lage wären, auf Dächer zu klettern, der Zweifel daran würde bleiben, bis eine eigene Erfahrung an die Stelle des Zweifels tritt.

Nun, liebe Gemeinde, ich habe kein Wildschwein auf dem Dach gesehen, auch kein rosafarbenes, doch zeigt uns dieses Beispiel, wie wir uns in die Geschichte des ungläubigen Thomas hineinfühlen können, die wir eben im Evangelium gehört haben. Seine Freunde erzählen, dass ihnen Jesus begegnet ist, der doch vor einer Woche am Kreuz starb. Einmütig erzählen sie und berichten Thomas davon. Doch er war nicht dabei. Ist das denn glaubhaft? Der Meister und Freund, den er begleitet hatte, der ihn rief in ein neues Leben für Gottes Reich, war tot. Er hatte es selbst gesehen – von weitem, er war dabei. Was wollten die anderen ihm da erzählen. Hatte die unendliche Trauer um Jesus, die auch er in seinem Herzen spürte, die anderen wahnsinnig werden lassen? Es ist ein berechtigter Zweifel in ihm. Er sagt: Wenn ich ihn nicht selbst sehe, dann glaube ich euch nicht. Vielmehr noch: Er fordert eine ganzheitliche Erfahrung: Er will Jesus nicht nur sehen, sondern ihn auch anfassen. Erst dann möge sein Zweifel schwinden und sich in Glauben kehren.

Liebe Gemeinde, wir haben hier ein Grundproblem bei uns Menschen. Wir halten für wahr, was wir sehen, was unserer eigenen Erfahrung entspricht. Diese Weise, die Welt zu sehen, mag manch sonderbare Blüte tragen. Denn wir schauen auch weg, weil wir bestimmte Dinge nicht sehen wollen. Die Alkoholsucht eines Nachbarn, die Schläge und Gewalt in einer benachbarten Familie, die Ungerechtigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, die Armut in der Welt. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Das ist eine Seite. Unsere Blickrichtung bestimmt unsere Haltung zur Welt. So sagen viele unserer Zeitgenossen: weil ich Gott nicht gesehen habe, weil mir der Auferstandene selbst noch nicht sichtbar und fühlbar begegnet ist, gäbe es die ganze Glaubenssache gar nicht. Das wiederum ist vielleicht verständlich und manchmal würden wir uns selbst solche Begegnungen mit dem Heiligen wünschen, die uns gewiss und fest machen in unserem Glauben, in unserer Hoffnung. Doch wissen wir, wir leben nicht im Schauen sondern im Glauben. Und wir wissen und haben hoffentlich erfahren können, dass Gott uns ganz anders als anfassbar und sichtbar begegnet. Vielleicht in einer unerwarteten Hilfe in Bedrängung und Not, vielleicht in der Liebe eines anderen, vielleicht durch eine glückliche Wendung des Lebensweges. Ich könnte viele solcher Erfahrungen nennen, doch bleibt es auch an uns, diese Begegnungen zu deuten als heimliche Spuren Gottes in unserem Leben.

Zurück zu Thomas. Jesus gibt nach. Er erfüllt den Wunsch des Thomas nach Gewissheit, nach der persönlichen Erfahrung. Er tritt unter die Jünger und gibt sich durch den Friedensgruß zu erkennen. Er fordert Thomas auf, die Nägelmale zu berühren, ihm in die Seite zu fassen, ihn und seine Gegenwart mit eigenen Augen und Händen zu spüren. Die Geschichte beschreibt nicht, ob Thomas tatsächlich von diesem Angebot Gebrauch macht. Es folgt das Glaubensbekenntnis des Thomas, in wenigen Worten auf den Punkt gebracht: Mein Herr und mein Gott! Zugleich könnten wir Jesu folgende Worte als eine Schelte für Thomas hören: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du! Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Liebe Gemeinde, Gott mutet uns da einiges zu. Das aber ist unsere Situation. Wir sehen nicht und glauben doch. Unser Glaube ist darum nie statisch und fest. Es gibt wohl viele Grade der Gewissheit – auch und gerade unter Christen, auch und gerade in der Gemeinde, die Jesu Namen trägt. Wie viel Zweifel erträgt eine Gemeinschaft? Ich denke, das Besondere dieser Erzählung ist nicht nur die Verheißung der Seligkeit an uns, die wir nicht sehen und doch glauben wollen, sondern die Tatsache, dass der Zweifel unter uns als Gemeinde getragen und ausgehalten wird. So wie die Jünger dem Thomas Zeugnis gaben über ihre Erfahrung und Hoffnung, so wollen auch wir uns untereinander bestärken in der Hoffnung, die uns trägt.

Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist die Auferstehung ebenso unwahrscheinlich wie ein rosafarbenes Wildschwein auf dem Kirchendach. Doch, liebe Gemeinde, im Glauben geht es nicht um Wahrscheinlichkeit, sondern um das, was uns trägt, was uns Kraft gibt zu Leben. Es geht um Hoffnung. Unsere Hoffnung ist immer unsichtbar, selbst wenn die Hoffnung nur ein größerer Gehaltsscheck ist oder etwas anderes banales. Was wissen wir schon von der Welt, wenn es uns nicht einmal gelingt, die gröbsten Probleme in unserer Gesellschaft zu beheben oder erst einmal zu sehen. Was, liebe Gemeinde, weiß schon ein Baum vom Leben der Tiere? Was weiß das Tier über das menschliche Leben? Was wissen wir von Gott und dem Leben, das über unseres hinausgeht? Das neue Sein, das Gott verheißt ist unsichtbar für unsere Augen, ebenso wie Gott selbst. Wie könnten wir seinem Anblick auch standhalten? In der Bibel sagt Gott oft: Wer mich sieht, der vergeht.

Der Zweifel des einen, ermöglicht den Glaubenden eine zweite Begegnung. Das, liebe Gemeinde, ist ein schönes Bild, das wir auf unsere Gemeinden übertragen könnten. Der Zweifel gehört zum Glauben hinzu. Erst wo ich Fragen stelle, kann ich auf eine Antwort warten und diese aufnehmen. Wo alles klar ist, da ist am Ende keine Antwort nötig. Doch sind wir alle Fragende und Suchende. Gott will, dass wir nach ihm fragen, dass wir ihn suchen. Wenn wir dies von Herzen tun, so will Gott sich finden lassen. Das, liebe Gemeinde, ist das Erstaunliche, dass Gott sich tatsächlich finden lässt, wenn wir ihn suchen. So kann der Zweifel uns erst die Tür öffnen für den Glauben. So kann – wenn wir uns gewiss fühlen – der Zweifel eines anderen, uns einladen, selbst wieder auf die Suche zu gehen. So kann uns das zu einer neuen, einer zweiten Begegnung mit Gott führen. Weil Thomas zweifelt, begegnet Jesus den anderen Jüngern ein zweites Mal.

Gottes Liebe ist stärker als jeder Tod. Gottes Antwort auf unsere Fragen ist Jesus Christus – nicht mehr und nicht weniger. Wir können nicht erwarten, dass der Inhalt unseres Glaubens beweisbar wäre, dann wäre es kein Gegenstand des Glaubens. Wir können aber Erfahrungen machen mit diesem Glauben. Wir sehen dann wahrscheinlich keine rosa Wildschweine, wir fassen damit nicht dem Auferstandenen selbst an seinen Händen. Unsere Erfahrungen könnten aber so aussehen: wir können Trost und Kraft schöpfen aus der Zusage, dass Gott uns liebt, wir könnten in Jesu Auferweckung erkennen, was uns heimlich bewegt, nämlich, dass es mehr gibt als wir sehen, wir könnten aus den Weisungen, die Gott uns offenbart hat, ein Leben führen, das nicht in die Irre führt, sondern auf der geraden und rechten Straße bleibt. Allein darin kann Leben gelingen und zum Glück schon hier und jetzt führen. Das alles sind Erfahrungen mit dem Glauben. Das alles ist möglich, auch wenn wir noch nicht sehen, was uns erwartet. Auch wenn wir nicht Zeugen der Auferstehung waren. Das Unsichtbare möge uns nicht schrecken, denn alles, was Hoffnung ausmacht, bleibt unsichtbar. So sind wir vielleicht wie Bäume, die keine Augen haben, um das nächst höhere Leben zu sehen. Wir erfahren es an unseren Wurzeln, an unserer Rinde, in unseren Zweigen und Blättern, aber sehen können wir es nicht. Möge die Erfahrung unseres Lebens und Glaubens wachsen, mögen wir seine Spuren auch bei uns entdecken, mögen wir uns immer wieder neu auf die Suche nach dem höheren Leben machen, mögen wir auch im Zweifel der Welt uns neu besinnen darauf, was der Grund unserer Hoffnung ist: der lebendige und liebende Gott, der den Tod bezwingt und das Leben will. Durch Jesus Christus, unseren Heiland und Herrn, der tot war und lebendig ist zu aller Zeit in Ewigkeit. Amen.