Liebe Gemeinde,
das heutige Wort aus dem Evangelium hat es in sich: Wer sein Leben liebt, der wird es verlieren. Und wer sein Leben hasst, der wird es erhalten zum ewigen Leben. Was, liebe Gemeinde, soll daran erbaulich sein? Hören wir nicht viel lieber davon, was das Leben besser und lebenswert macht? Müssen wir erst in die Abgründe der Melancholie hinab, um dem Glück und der Seligkeit näher zu kommen? Wer sein Leben hasst, der wird es erhalten zum ewigen Leben. Was soll das für ein trauriges Leben sein, dass wir es auch noch erhalten sollen zum ewigen Leben?
Wie so oft, stoßen Jesu barsche Worte uns vor den Kopf. Doch wird alles etwas verständlicher, wenn wir bedenken, in welchem Bewusstsein, in welcher Situation Jesus diese Worte sagt. Einige Griechen kommen zu einem Jesusjünger namens Philippus und bitten ihn: sie wollen Jesus sehen. Sie wollen ihm begegnen, ihn kennen lernen. Es ist dies der Vorspann der letzten Tage Jesu, der letzten Stunden in diesem seinen Leben unter den Menschen, in dieser Welt. Jesus selbst nimmt das Ansinnen der Griechen zum Anlass für ein schweres Wort: „Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.“ Die Bitte der Männer und Frauen aus Europa versteht Jesus als Zeichen, dass die Zeit erfüllt ist. Die Völker der Welt begehren, ihn kennen zu lernen. Zeit also für ihn, den Sinn des Kommenden aufzudecken, den letzten Weg zu deuten, der so klar und schrecklich vor ihm liegt – seine Passion, sein Kreuz, sein ohnmächtiger und schuldloser Tod. Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Wohl kaum einer seiner Weggefährten hat zu diesem Zeitpunkt eine Ahnung, was er damit meint. Erst mit Ostern und der späteren Gabe des Geistes, der gewaltigen Explosion christlicher Mission und Erweckung in den kommenden Jahrzehnten, wird deutlich, warum Jesus diese Worte sagte. Sein Leiden und sein Tod gehen über alles, was die Menschen schon von ihm wussten, hinaus. Gott offenbart sich in der größten Tiefe, im Gegenteil dessen, was wir erwartet hätten. Der Gottessohn muss sterben, damit er Frucht bringe. Denn erst in der Überwindung des Todes und des Leidens, und darin unserer Angst und Weltbesessenheit, liegt die eigentliche Erlösung der Menschen.
Es mag sein, dass genau dieses Geheimnis, welches wir in der Passionszeit und besonders zu Karfreitag bedenken, schwer begreiflich ist. Es wirft unsere Wünsche nach Glück und Segen für dieses Leben zunächst über den Haufen. Segen und Erlösung liegen gerade im Gegenteil verborgen – nicht in Gesundheit und Erfolg, sondern im Zeichen des Kreuzes, dem schrecklichsten der damals bekannten Hinrichtungsarten. Das Weizenkorn muss sterben, damit es Frucht bringt. Es ist ein eindrückliches Bild, das Jesus für seinen Weg nimmt. Vergehen und Neuwerden liegen eng zusammen. In eindrücklicher Weise haben die frühen Christen dieses Geheimnis der verborgenen Offenbarung Gottes im Gegenteil erfasst und daraus die feste Gewissheit geschöpft, dass Jesus sie selbst durch sein Blut teuer erkauft hat. Sie sind die Frucht, die sein Tod geboren hat, vielfältig, aus allen Völkern der Erde gewonnen zum ewigen Leben. Das, liebe Gemeinde, ist schwere Kost. Und weil wir in unserer Zeit uns schwer tun, mit komplizierten Dingen und gerne an der Oberfläche kratzen, statt die Tiefe und die Abgründe zu sehen, ist die Botschaft von der erlösenden Kraft des Kreuzes Jesu vielen ein Ärgernis.
Das war übrigens damals schon so. Bist du Gottes Sohn, so steig vom Kreuz herab, versuchen ihn seine Mörder. Anderen hast du geholfen und kannst dir selbst nicht helfen. Das Bild der Schwäche und Ohnmacht passt nicht in unsere Köpfe, in unsere Vorstellung vom Göttlichen, das so viel größer sein soll als wir selbst. Größer ist es in jedem Fall. Doch ist es eben auch ganz anders. Wenn wir ein schönes Auto fahren, so meinen wir, Gottes Sohn müsste noch einen draufsetzen. Wenn wir das Glück haben, ein langes Leben in Gesundheit und Wohlstand zu haben, dann müsste doch göttliches Leben ein Mehr davon sein. Doch alles, was wir von Gott wissen können, dürfen wir uns in Jesus anschauen. In ihm begegnen wir dem Gegenteil und er macht damit eines deutlich: Da gibt es noch viel mehr, als das, was ihr glaubt, was wichtig ist. Wer sein Leben liebt, wird es verlieren. Das schaut von diesem Blickwinkel ganz anders aus. Wer nichts anderes kennt, als dass der Magen und der Benzintank voll sind, wer nur an seinen eigenen Hintern denkt, wird nicht weit kommen. Denn das alles, was unseren materiellen Gewinn ausmacht, ist vergänglich, hinfällig. Zuletzt können wir nichts mitnehmen.
Ich denke, liebe Gemeinde, gerade in diesen Tagen hat eben dies besondere Klarheit für unsere Herzen. Die Finanzkrise und ihre bis heute noch nicht absehbaren Folgen für uns alle zeigen deutlich die Grenzen unserer menschlichen Gier und Vorstellung vom Leben. Die vernichtende Kraft der Raffgier und einer falschen Vorstellung vom ewigen Wachstum hat sich in aller Deutlichkeit gezeigt. Auch ein Herr Zumwinkel wird durch seine Millionen nicht das ewige Leben kaufen können. Unsere Konten und Sparbücher werden wir nicht mitnehmen können. Denn: Es gibt anderes und wichtigeres in unserem Leben und das ist das Leben, das im Einklang mit Gott steht.
Das schreit nach Veränderung, nach Umkehr, nach einem Ablegen alter Zöpfe und Gewohnheiten. Wer kennt es nicht, das Gefühl, hier und da in meinem Leben geht etwas schief. Oft ist es doch so, dass unsere Bequemlichkeit, eben auch die Sicherheit und die Fülle unseres Kontos und Magens, den notwendigen Veränderungen im Wege stehen. Jesus ruft zur Nachfolge. Das kann vieles für uns bedeuten. In jedem Falle ist es ein steter Ruf, heraus zu finden aus der Lebensgier, die uns auffrisst. Jüngst las ich ein erdachtes Interview mit Gott, in welchem er auf die Frage antwortet: Was wundert dich am meisten über den Menschen? Da sagt er unter anderem: Mich wundert, dass der Mensch sich abarbeitet, einen Job hat, der ihn krank macht, um soviel Geld zu verdienen, damit er sich wieder Gesundheit erkaufen kann. Das, liebe Gemeinde, ist eines von vielen möglichen Beispielen, wo wir gegen Wände laufen, wo wir in die Irre gehen in unserer Sucht, unserer Suche nach Leben. Erinnern wir uns, wie es anders ginge. Erinnern wir uns, wie Jesus Menschen aus ihren Gewohnheiten riss, die sie krank machten. Zachäus, der Steuereinnehmer. Er war raffgierig, suchte seinen Profit. Das Ergebnis, er war vielleicht vermögend, doch auf welche Kosten? Freunde, Liebe, Zuneigung? Fehlanzeige. Jesus ruft ihn, Zachäus schmeißt alles hin, folgt ihm nach und wird tatsächlich glücklich. Er gibt vierfach zurück, was er den Leuten aus der Tasche gezogen hat. Er gibt es aber nicht unwillig, sondern entdeckt gerade darin wieder Sinn für sein Leben. Ein neuer Anfang, ganz unbelastet von der Gier, von der Angst um das Geschaffene. Er wird wieder frei, denn es gibt mehr und wichtigeres als Geld. So wird seine Begegnung mit Jesus zum Anfang seines wirklichen, eines wirklich freien Lebens. Da ist es egal, wann uns dieser Ruf zur Freiheit ereilt. Er ist immer aktuell, denn die Zeit ist immer erfüllt. Die Zeit zur Umkehr ist immer jetzt. Denn wir sind immer unvollkommen und unfrei.
Was aber, ist nun das Freudige dieses Sonntages, der mit seinem lateinischen Namen „Freuet euch!“ heißt? Es ist der Vorausblick Jesu auf das ewige Leben, auf den Gewinn, der uns durch seinen Tod geschenkt wird. Das Weizenkorn muss ersterben, damit neues Leben daraus hervorgeht. Das mag ungerecht klingen, doch ist es für uns die Freude, dass wir gerettet werden, wenn wir Jesus folgen. Es gibt mehr und größeres als dieses Leben. Das heißt nicht, dass wir dieses Leben tatsächlich hassen sollen, doch heißt es, dass dieses Leben unvollständig ist und in eine falsche Richtung gehen kann. Es ist ein Leben, in dem wir nie ganz frei sind – immer auch Gefangene von auferlegten Strukturen, Gesetzen, Gefangene unserer eigenen Bedürfnisse und Selbstsüchte, Gefangene unseres Konsums und Schuld, unserer Angst und unserem Schmerz. Das soll dann schon alles gewesen sein? Nein, der, der unser Kreuz auf sich nahm, tat dies, damit wir frei werden zum wahren Leben. Schon jetzt – hier mitten in der Welt umkehren, unsere Schritte und Werte stets aus dem Blickwinkel Gottes neu bedenken, es verheißt uns aber auch ein Leben darüber hinaus – die Vollendung und Erfüllung bei Gott. Jesus hat den Tod besiegt. Darauf dürfen wir heute schon blicken, denn es ist geschehen – für alle Zeit. Wenn das kein Grund zur Freude ist. Wo ich bin, da soll mein Diener sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren, spricht Jesus. Gott wird uns dienlich sein, wir werden erhöht werden, so wie wir Gott die Ehre geben, werden wir selbst geehrt und vollendet werden. Freuet euch über das Kreuz. Freut euch des Geheimnisses dieser Offenbarung, die uns durch das nackte Gegenteil unserer Wünsche gerade die Ewigkeit und den Himmel eröffnet. Vertraut den neuen Wegen. Ich bete für unsere Gemeinden und wir wollen darin einstimmen, dass Gott uns seinen Geist schenken möge immer wieder, damit wir uns befreien lassen durch das Kreuz, neue Wege gehen und endlich das gelingende Leben suchen, das uns frei werden lässt. Dazu helfe uns der ewige Gott. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.