Mittwoch, 2. Januar 2008

Predigt zum 1. Advent am 2.12.2007 in Fröttstädt und Wahlwinkel - Hebr 10, 19-25

Liebe Gemeinde,

gestern wurde das erste Türchen am Adventskalender aufgemacht, heute wird die erste Kerze am Kranz entzündet. Wir fangen wieder von vorne an – jedes Jahr wieder. Ganz klein ist solche ein Türchen an den normal großen Kalendern und die meisten Kinder würden gerne schon mehr von diesen Türchen öffnen, doch was würde dann aus der Vorfreude. So nimmt alles einen kleinen Anfang und am Heiligen Abend wird das letzte Türchen geöffnet. Schritt für Schritt gehen wir Gott entgegen, der zu uns kommt in seinem Sohn. Advent ist eine Zeit des Wartens, der Vorbereitung. Und damit meine ich nicht nur das Stollenbacken oder Geschenke kaufen, die Besorgung der Gans oder des Weihnachtsbaums. Ich meine eine innere Vorbereitung, das Abschreiten eines inneren Weges, der uns jedes Jahr wieder zu Gott führen will, zum Wunder des Heiligen in einem kleinen Kind.
Früher wurde im Advent sogar gefastet, der Stollen war ein Fastengebäck und durfte früher nicht mit Butter gebacken werden, da Fett in der Fastenzeit verboten war. Vorbereitung also, ein neuer Anfang, unser Herz als eine Tür, die sich für Gott langsam öffnet. Der Predigttext redet heute von einer solchen Tür, die verschlossen war, doch nun geöffnet ist, ein Vorhang, der beiseite geschoben ist und uns Glaubenden Zugang zum Heiligen schenkt. Im Hebräerbrief heißt es im 10. Kapitel:

„Weil wir nun, liebe Schwestern und Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, durch das Opfer seines Leibes und haben einen Hohepriester über das Haus Gottes, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unseren Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser. Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat. Und lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken und nicht verlassen unsere Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht.“

Liebe Gemeinde, der Hebräerbrief ist schon von Luther eine „stroherne Epistel“ genannt worden. Und beim ersten Verlesen stellt sich kaum adventliche Vorfreude ein. Es ist ein ernster Mann, der diese Zeilen schrieb, einer, der sah, wie die Hoffnung aus den Herzen immer mehr verschwand, wie die Gemeinde, die sich sonntags versammelte immer kleiner wurde und viele begeisterte, vom Anfangsenthusiasmus Erfasste wieder zum Alltag übergingen.
In gewisser Weise ist das ja auch die Situation unserer Gemeinden, die immer kleiner werden. Und es ist wie in unseren Tagen, dass die Hoffnung darauf, dass die Welt und das Leben einen höheren Sinn und eine höhere Weihe hat, aus vielen Herzen verschwunden ist. Aber es gibt viele kleine Details in diesen ernsten und mahnenden Worten, die etwas mit unserem Warten und unserer Vorfreude im Advent zu tun haben.
Jesus hat den Vorhang beiseite gezogen, der uns den Blick auf Gott verdeckt hat. Wenn hier von einem Vorhang die Rede ist, so meint der Schreiber den Vorhang, der das Allerheiligste im Tempel zu Jerusalem verdeckt hat. Der Vorhang, der die Menschen von Gott trennte. Nur an einem Tag im Jahr, dem höchsten aller jüdischen Tage, dem Jom Kippur, durfte der Hohepriester diesen Raum betreten. Doch vorher musste er sich reinigen und vorbereiten. Die Menschen wussten zwar, dass Gott nicht auf einen dunklen Raum beschränkt ist, doch war dies der Heiligste und damit auch verbotenste Ort im ganzen Land. Der Vorhang war ein Symbol dafür, dass das Menschliche und das Göttliche zweierlei Dinge waren.
Es wird zu Karfreitag immer gelesen, dass der Vorhang des Tempels in zwei Teile gerissen sei, als Jesus am Kreuz verstarb, als Gott selbst die tiefste Not des Menschlichen in einem qualvollen Tod durchschritt. Gott ist seither nicht mehr festgelegt und verdeckt, er ist Mensch geworden. Das Allerheiligste ist nun durch diesen Jesus für alle offen, die danach verlangen. Gottes Wesen ist nun offen für uns. Das ist es, was wir an jedem Tag des Kirchenjahres begehen, das Wunder, dass wir zu Gott gehören dürfen, die Hoffnung, dass nichts uns von diesem Gott trennen kann, wenn wir ihm vertrauen. Wir feiern, dass Gott uns begegnen will und wir ihm entgegen gehen.
Ein zweites adventliches Motiv kommt in den Blick. Wie sollen wir uns dem Heiligen nahen, wie uns vorbereiten? Mit wahrhaftigem Herzen, mit vollkommenem Glauben, mit besprengten Herzen und losgelöst von dem bösen Gewissen, das uns quält. Dazu müssen wir uns auf den Weg machen, liebe Gemeinde, dazu müssen wir neu anfangen und uns innerlich bereit machen für Gottes Kommen zu uns. Vielleicht zünden wir deshalb besonders zur Adventszeit so gerne Kerzen an. Nicht nur weil es in den dunkler werdenden Tagen bis zur Weihnacht Licht und Wärme schenkt. Die Flamme der Kerze ist ein Hingucker. Nehmen sie sich die Zeit einmal länger in den Schein einer Kerze zu schauen – es ist wie eine Mediation, ein Gebet. Wir kommen zur Ruhe, erinnern uns an die ersten Erlebnisse, die wir mit dem Schein solcher Adventskerzen verbinden, gehen einen inneren Weg. Wir spüren etwas von der Kraft und dem Licht des Feuers und werden besinnlich, nachdenklich. Was hat mich bis hierher geführt, was ist wichtig für mich und meine Familie, für mein Leben. In solch einem Kerzenlicht sieht die Welt anders aus, die Welt bekommt einen anderen Glanz.
Diese Besinnlichkeit ist es, die unsere Herzen für das kommende Licht Gottes öffnen kann. Dieses Licht will uns begleiten im Leben, es will uns erleuchten und unser Leben hell und klar werden lassen.
Vielleicht vergessen wir es zu oft, diese innere Besinnung, dieses Loslassen von der Welt und Sicheinlassen auf Gott. Auch wenn es nur ein kleiner Moment ist, so werden wir neu daraus hervorgehen, dem Himmel ein Stückchen näher.
Unser Predigttext ermahnt, festzuhalten an dieser Hoffnung, die Gott uns schenkt. Es kann heißen, dass wir nicht im Alltag den Blick für das Wesentliche verlieren, dass uns die Hoffnung und der Glaube wie etwas unter vielen Dingen wird, die uns wichtig sind. Festhalten an der Hoffnung, nicht an der offenen Tür vorbeigehen, das geht nur mit der großen Zusage, die wir im Hebräerbrief hören: Gott ist treu. Die Hoffnung wird nicht ins Leere gehen, sondern der uns den Weg gebahnt hat, der wird ihn auch zum Ziel führen. Diese Zusage kann man nicht oft genug sagen: Gott ist treu.
Wenn wir heute auch in eine neue Amtszeit in der Gemeindeleitung gehen, so möge dieses Wort über allem stehen, was wir für diese Gemeinde arbeiten und bewegen wollen. Gott ist treu, haltet fest an der Hoffnung, denn Gott wird es zum Ziel führen. Das ist ein Wort, dass uns Mut machen will. Gott wird da sein und mit uns gehen auch wenn manche Entwicklungen und Ereignisse dieser Hoffnung entgegen stehen. Das alles darf uns nicht verunsichern, liebe Gemeinde! Denn wir warten auf Gott aller Widrigkeiten zum Trotz. Er wird uns nicht enttäuschen, denn er ist treu!
Dieses Warten auf Gott ist Advent. Der christliche Dichter Jochen Klepper sagte einmal: Gott wird uns immer wieder in Wartezustände versetzen, die zusammen das eigentliche Leben ausmachen: Leben aus Pfingsten und Advent. Die Erwartung Gottes also ist das eigentliche Leben. Wir sind Glaubende noch nicht Schauende. Doch kommen wir dem Ziel näher, wenn wir unsere Herzen öffnen und dem Ewigen entgegen sehen, wenn wir unsere Herzen anderen Menschen öffnen. In diesen Tagen vor Weihnachten denken viele auch an andere und spenden oder schicken Pakete in arme Länder. Könnte nicht das ganze Jahr Advent sein, könnten wir nicht stets so besinnlich und in uns hinein horchend sein wie in diesen Tagen? Das wäre schön, warten und sich bereitmachen, zur Ruhe und Besinnung kommen, das könnte die Welt wirklich verändern und dem Licht Gottes in dieser Finsternis den Weg bahnen. Ich wünschen Ihnen allen eine gesegnete und besinnliche Adventszeit. Möge die Hoffnung in uns wachsen und das Vertrauen auf den lebendigen Gott, der treu an unserer Seite steht und kommen wird, die Welt ins Licht zu führen. Amen.