Samstag, 13. Oktober 2007

Predigt zur Kirmes am 12. Oktober in Hörselgau

Liebe Gemeinde, liebe Kirmesgesellschaft,

es ist meine erste Kirmespredigt überhaupt und ich habe vernommen, dass die Kirmesburschen und – mädels schon aus den letzten Jahren gut informiert sind, was es mit der Kirmes als Kirchweihfest auf sich hat. Und wenn ich jemanden von meinen Freunden aus der Stadt fragen würde, was ihnen bei Kirmes spontan einfällt, da käme wohl nicht die Kirche an erster Stelle. Was würden sie wohl sagen? Ich denke, sie würden mir sagen: Bei Kirmes denke ich an BIER. Ein frisches, kühles Bier, mancher sagt auch Hopfenblütenkaltschale oder ähnliches. Weil heut Kirmes ist, habe ich mir einen Bierkrug in die Kirche mitgebracht, einen Eisenacher, den von dort stamme ich ja. Doch so ohne etwas sieht er ganz schön traurig aus der Bierkrug. Also fülle ich ihn mit einem kühlen Gerstensaft. (eingießen) Wem jetzt schon das Wasser im Munde zusammen läuft, der sei getröstet – in einer guten Stunde geht´s los mit der Feier.

Wofür steht das Bier am heutigen Tag, dem Kirchweihfest? Es steht dafür, dass es Gottes Wille ist, dass wir unseren Alltag zu bestimmten Zeiten mal Alltag sein lassen. Wir sollen die Mühe ablegen, die Sorgen auf Gott werfen, wie eine Jacke an der Garderobe abgeben. Das ist der tiefe Sinn, warum Gott seinem Volk den Feiertag geschenkt hat. Manche unter uns können den Feiertag nicht Feiertag lassen, weil ein Arbeitgeber am längeren Hebel sitzt oder wir mit der Ruhe und mit uns selbst gelangweilt sind. Wenn wir uns überlegen, wie mühevoll und zum Teil hoffnungslos das Leben unserer Vorfahren war hier in Hörselgau und anderswo, dann würden wir erkennen, was für ein Schatz die Zeit eigentlich ist, die wir zum feiern haben. Als die Hörselgauer anpackten und zumeist ohne Entgelt diese Kirche erbauten, da war ein kühles, frisches Bier, gezapft am Ende der Bauarbeiten zur Kirmes ein Zeichen der Hoffnung und eines Lebens, das gegen die graue Realität rebelliert – genau wie die Kirche selbst. So ist unsere Kirche ein steinernes und dieses Bier ein flüssiges Zeichen dafür, dass Gott mehr mit uns Menschen will, als wir in unserem tagtäglichen Trott für möglich halten. Feier und Spiel, Musik und Tanz gehören dazu, sie durchbrechen das Gewöhnliche und sind ein Hinweis darauf, dass wir Gottes Kinder sind, nach seinem erhabenen Bild geschaffen. Auch Gott weiß, wie man feiert, er ruhte am Ende der Schöpfung und ergötzte sich an der Vollkommenheit seines Werkes.

Der Prediger des Alten Testaments, ein weiser Mann mit viel Lebenserfahrung, schreibt: „Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei seinen Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ Wort der Heiligen Schrift.

Liebe Kirmesgemeinde, das ist doch mal ein Wort! Sei fröhlich, iss und trink und habe guten Mut! Das alles schenkt dir Gott. Das Essen und Trinken, den guten Mut, jeden Tag aufzustehen und dein Werk zu verrichten. Einen Gedanken aus diesem Text möchte ich aber besonders hervorheben. Gott hat die Ewigkeit in unsere Herzen gelegt. Das ist das, was ich am Anfang von der Kirche und vom Bier sagte: Es sind Zeichen dafür, dass wir Menschen mehr sind als Tiere. Uns liegt die Ewigkeit im Herzen, die Sehnsucht nach Größerem, nach einer Wirklichkeit, die den grauen Alltag, den Kreislauf der Natur, unseren Rhythmus von Aufstehen, Arbeiten, Schlafengehen durchbricht. Der Bau einer Kirche, die Feier eines großen Festes im Jahreskreis, das sind Dinge, die uns näher zu Gott bringen, näher zu unserer Bestimmung als Menschen. Denn uns ist die Ewigkeit ins Herz gelegt, ob wir es spüren oder nicht. Wir sind mehr als die Summe unserer Erfahrungen und Anlagen, wir sind geliebte Kinder Gottes. Darum feiern wir Kirmes.

Die Sorgen lasst für dieses Wochenende zuhause. Sie sind am Montag wieder auf dem Tisch. Doch verzagt nicht, wenn es wieder heißt: Morgen wird wie heute sein. Habt guten Mut bei allem, was ihr tut. Und wenn ihr unsere Kirche seht, dann wisst, bei Gott könnt ihr ablegen, was euch im Bauch drückt, was euch manchmal zur Verzweiflung treibt. Wenn ihr ganz bewusst das Besondere eines Gottesdienstes oder eines Festes von eurem Alltag unterscheidet, dann wird das heilsam sein für eure Seelen.

Das führt mich zur Schattenseite des Feierns. Viele heutzutage haben verlernt, was Mühe und Plage wirklich bedeuten. Gott will nicht, dass jeder Tag ein Fest sei. Wir sind zugleich gerufen in den Alltag der Welt, wir sind beauftragt, etwas zu bewegen in dieser Welt und sei es an einer scheinbar unbedeutenden Stelle. Alles Tun hat Sinn, sofern es aus reinem Herzen und mit gutem Mut geschieht. Damit meine ich zugleich eine Mentalität, die sich in Stammtischparolen ausdrückt nach dem Motto: „Da müsste man doch dies und das machen!“. Nicht „Da müsste man …“ soll es heißen, sondern „Ich werde …“ So wie unsere Vorfahren diese Kirche immer wieder – auch nach Zerstörungen – aus dem Boden stampften, sie sagten: Wir werden diese Kirche bauen. Das war ihr trotziges Signal nach einem furchtbaren Krieg, ihr Bollwerk gegen die Belanglosigkeit des täglichen Daseins, ihr Zeichen dafür, dass wir zu Gott gehören. Das ist die Einstellung, die Gott gut findet. Packt an und baut auf, dann sollt ihr auch feiern. Wenn das Fest zum Alltag wird, dann ist es kein Fest mehr. Wenn man sechs Biere auf einmal bestellt, sind selbst bei einem gutem Durst die letzten drei schal. Darum, liebe Kirmesgemeinde, sucht und genießt das Außergewöhnliche, das sich manchmal mitten in unserer Welt offenbart und vergesst dabei die Arbeit und Mühe nicht, die euch das Leben zugedacht hat. Guter Mut bei aller Mühe, das schenke der ewige Gott.

So ist ein großes Fest immer wieder ein Anlass dafür zu spüren, dass Gott uns trägt und zu sich ruft, denn die Ewigkeit ist in unsere Herzen gelegt. Etwas schönes ist das, diese Sehnsucht nach der Vollkommenheit, dem einen wirklich guten Augenblick. Und wenn wir manchmal spüren in diesen kleinen Momente, wenn wir die Welt umarmen könnten, da blitzt etwas auf von dieser Sehnsucht nach Gott, nach dem vollkommenen Leben. Das kann für manche ein Sonnenaufgang am Meer oder in den Bergen sein, ein gelungenes Fest, die Geburt eines Kindes, ein besonderer Moment in der Zweisamkeit mit dem Partner, ein guter Tag, ein gutes Gespräch. Wie Goethe am Schluss seinen Faust sagen lässt: Verweile doch, du bist so schön! Verweile doch, heißt ja wohl, dass eben diese Momente nur der Vorgeschmack sind, die unsere Sehnsucht reizen wollen, unsere Sehnsucht nach Gott. Diese besonderen Momente wünsche ich uns allen. Möge Gott in uns die Sehnsucht nach der größeren Wirklichkeit wach und lebendig halten, damit wir nicht abstumpfen im Geschäft des Alltags, damit wir ähnlich große Dinge vollbringen wie den Bau einer Kirche aus dem Nichts, allein aus unserer Kraft zur Ehre unseres Schöpfers. Zu ihm streben wir mit jeder Kirche, jedem Gottesdienst und jedem mit wirklicher Erfrischung und Besonnenheit getrunkenen Bier. Darauf ein Prost, auf deutsch: Möge es gelingen!

Amen.