Samstag, 13. Oktober 2007

Predigt zum Erntedankfest 30. September in Hörselgau / 7. Oktober in Wahlwinkel und Fröttstädt

Liebe Gemeinde,

wie oft sagen wir eigentlich „Danke“? Manche sehr oft aus Höflichkeit, weil es dazu gehört, weil es immer schon so war. Wiederum andere haben es scheinbar verlernt dieses kleine Wort „Danke“. Unsere Gesellschaft hat die Dankbarkeit im großen Stil verlernt. Alles wird selbstverständlich hingenommen. Wo früher noch Mangel herrschte, sind nun die Regale im Supermarkt voll. Da gibt es soviel Auswahl, dass manch einer vor dem Regal steht und nicht mehr weiß, was er in seinen Korb legen soll. Dankbarkeit ist eher selten im Supermarkt zu spüren. Nehme ich diesen Käse oder das Sonderangebot darunter, oder war das der aus der Werbung? Es ist gar nicht so lange her, da gab es ein Lied, in dem besungen wurde, wie schwer es einmal war an guten Käse zu kommen. „Käse gibt es im HO. Erst da musst du lange stehn, aber Käse, Käse kriegste keen`n!“ Im Wohlstand scheint das Danke verschwunden. Wofür danken, wenn alles zu haben ist? Wo aber ist das Danke hin verschwunden? Ein Gedicht möchte ich Ihnen dazu vorlesen:

Ein kleines Wort – du kennst es kaum –
Hat sich versteckt auf einem Baum.
Da wollt es lieber bleiben.
Als bei den Menschen leiden

Die Menschen groß
Und auch ganz klein,
Die fanden dieses Wort nicht fein.
Sie wollten es nicht haben
Und lieber es vergraben.

Das Wort war ihnen ein Verdruß.
Es war auch lästig, kein Genuß.
So wollten sie es töten.
Das Wort war sehr in Nöten.

Ganz heimlich, ohne viel Geschrei,
lief es schnell weg. Jetzt ist es frei.
Hier zwischen grünen Blättern
Da kann es fröhlich klettern.

Die Vögel wunderten sich sehr.
Ein kleines Wort – wo kommt das her?
Sie übten es zu singen.
Nun fing es an zu klingen.

Im Garten stand ein alter Mann
Und hörte sich die Vöglein an.
„Habt Dank“ rief laut der alte Mann,
„fangt mir das Lied von vorne an!“

Das kleine Wort, so gut versteckt,
es fühlte plötzlich sich entdeckt.
Nun muß es sich entscheiden:
Soll es im Baume bleiben?

Doch ohne „Danke“ in der Welt
Wär´s um den Menschen schlecht bestellt.
So sprang es vom Ast,
auf dem es grade saß,
hinunter zu dem alten Mann. –
Fängt nun alles von vorne an?

Liebe Gemeinde, das kleine Wörtchen „Danke“ hat sich also versteckt, weil es den Menschen unangenehm und überdrüssig wurde. Es wurde wieder entdeckt von einem alten Mann, der den Vögeln lauschte. Ein wichtiger Gedanke wird im Gedicht laut: „Ohne Danke in der Welt, wär´s um den Menschen schlecht bestellt.“

Heute ist Erntedankfest – der Tag im Jahr, an dem dieses kleine Wort „Danke“ uns wieder über den Weg läuft. Wofür bin ich dankbar? Wann habe ich mich das letzte Mal bedankt, und bei wem?

In dem kleinen Wort „Danke“ verbirgt sich eine ganze Haltung zum Leben, eine besondere Art, die Welt zu verstehen und in ihr zu leben. Was wir dankbar entgegen nehmen, das ist wertvoll für uns. Das werfen wir nicht einfach weg. Wenn jemand dankbar ist, so weiß er die Dinge zu schätzen. Denn nichts von dem, was uns umgibt, ist selbstverständlich.

Wie schnell die Existenz eines Menschen wie ein Kartenhaus zusammen fallen, sehen wir immer wieder in den Nachrichten, wenn Häuser und ganze Städte von Meeresfluten hinweg gespült werden. Da können wir sehen, wie Raketen den Tod bringen, Menschen ohne Arbeit sind und ohne Hoffnung. Für wie viele Familien hat das alles verändert?

Doch so weit müssen wir gar nicht ausholen, um das kleine Wörtchen „Danke“ für uns wieder zu entdecken. So ein kleines „Danke“ kann die Welt verändern. Da ist die Dankbarkeit unter uns Menschen. Wenn mir jemand die Tür aufhält, wenn mein Nachbar meine Blumen gießt, wenn ich im Urlaub bin, wenn wir uns kleine und große Gefallen tun. Ehrlich empfundene und ausgesprochene Dankbarkeit, die nichts selbstverständlich nimmt, macht vieles möglich.

Und da gibt es die Dankbarkeit gegenüber Gott, die gerade heute, zum Erntedankfest laut werden soll. Gottes gute Schöpfung ernährt uns, er läßt die Pflanzen wachsen, die uns als Nahrung dienen und die Tiere, die Milch und Fleisch liefern. Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott. Das alles steht uns vor Augen heute. Aber nicht nur die Lebensmittel sind wichtig, auch unsere Familien brauchen wir zum Leben, unsere Freunde, eine Aufgabe, die uns erfüllt, ein Ort, an dem wir uns zu Hause fühlen. Das alles ist ein Geschenk. Dafür können wir ruhig dankbar sein.

Noch eindrücklicher ist für mich der alte Mann aus unserem Gedicht, der im Singen der Vögel seine Dankbarkeit wieder entdeckt. Mich an den kleinen Dingen erfreuen, das vergesse ich all zu schnell im Überfluss von Waren, Information und scheinbaren Problemen.

Wer aufrichtig „Danke“ sagen kann, sieht auch die, die nicht so viel geschenkt bekommen: Die Armen in der Welt, in den Ländern, wo immer noch Hunger herrscht, die hungern müssen, damit unsere Supermärkte die Preise stabil halten können. Anstatt dass wir von den Massen an Lebensmitteln, die täglich in den Fleischtruhen und Regalen übrig bleiben, etwas abgeben.

Wo Dankbarkeit fehlt, fehlt auch das Mitgefühl, fehlt der klare Blick auf die Dinge. Wenn uns alles selbstverständlich ist, nach dem Motto: „Ich hab schließlich dafür gearbeitet!“, dann wird uns der Mensch neben uns aus dem Blick entschwinden. Dann ist uns alles egal. Dann leben wir ohne Rücksicht auf Verluste. Wie hieß es im Gedicht?: „Ohne „Danke“ in der Welt, wär´s um den Menschen schlecht bestellt!“

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir das Wörtchen „Danke“ wieder entdecken für uns, für unseren ganz alltäglichen Umgang miteinander und im Blick auf Gott. Dass wir uns freuen und dankbar werden über das Gute, das uns in den Schoß fällt, ohne dass wir etwas dazu tun. Mögen wir erkennen, dass wir immer mehr empfangen als wir selbst geben können. Das ist ein Wunder und dem Herrn sei Dank dafür. Amen.