Montag, 29. Oktober 2007

Predigt am 21.10.2007 in Wahlwinkel und Fröttstädt - Mk 2, 23-28

Liebe Gemeinde,

wer kennt das nicht schon aus früher Kindheit: „Das darf man nicht machen! Das ist streng verboten!“ Verbote und Regeln begegnen uns immer wieder. Da darf man mit dem Auto nicht über Feldwege fahren und muss hoffen, dass der Sheriff nicht hinter einem Busch auf einen wartet.

Im Pfarramt muss ich viele Vorschriften einhalten. Das lähmt manchmal ganz schön die Arbeit, weil ich ehe ich eine Wand streichen lasse, zwanzig Leute fragen muss und drei Anträge stellen. Das ist in vielen Branchen so. Und da gibt es die ungeschriebenen Gesetze. Mein Schuldirektor früher sagte immer: Ein Gymnasiast isst und küsst nicht in der Öffentlichkeit. Ich kann mich noch gut erinnern, wie entgegen das unseren Bedürfnissen war, wenn man unterwegs war, Hunger bekam und sich mit seinem Döner auf eine Bank setzte mit der Freundin womöglich, die man natürlich auch gerne küssen wollte, weil es sonst keinen Ort gab, wo man hätte hingehen können. Hat der Direktor uns gesehen, gab es eine ordentliche Ansprache am nächsten Schultag. Wir haben trotzdem immer wieder gegessen und geküsst, weil wir das Verbot als Widerspruch erfahren haben zu dem, was gut für uns ist. In ähnlicher Weise hat Jesus sich stets auch über Vorschriften und Gesetze hinweggesetzt, von denen manche das Leben eher hindern als schützen und befördern. Da gibt es eine Geschichte, die der heutige Predigttext ist, der so ähnlich ist wie der Döner auf der Parkbank und dies uns vor Augen führt. Im Markusevangelium im 2. Kapitel wird erzählt:

„Und es begab sich, dass Jesus am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm; Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: Er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“ Wort des lebendigen Gottes.

Liebe Gemeinde, das war für die damalige Zeit schon ein starkes Stück. Da kommt jemand und setzt sich ganz unverschämt über Regeln hinweg. Nicht irgend ein Parkverbot, sondern Heilige Regeln, die nach alter Tradition von Gott dem Volk Israel gegeben waren. Die Pharisäer nun waren ganz eifrig in der Befolgung und Auslegung des göttlichen Gesetzes. Jede Handlung war geregelt, genau festgelegt, wann etwas getan werden darf und wann nicht. In ihrem Bedürfnis eine klare Richtung für ihr Leben dadurch zu bekommen, sind sie uns irgendwie nahe. Sie wollten ja niemandem schaden, sondern nur auf Nummer sicher gehen, dass Gottes Gebot auch eingehalten wird. Doch sind sie zu weit gegangen, denn sie haben den Menschen aus ihrem Blickfeld verloren.

Und gerade darum geht es Gott, wie wir durch Jesus gehört haben. Denn wenn wir genau hinschauen, so wendet sich Jesus nicht gegen das Gesetz selbst. Er sagt ja an anderer Stelle: Ich bin gekommen, um das Gesetz zu erfüllen. Doch damit meint er etwas, dass für die getreuen Gesetzeshüter gar nicht im Blick ist. Jesus stellt nämlich den Menschen in den Mittelpunkt des Lebens und des Gesetzes. Jesus weiß sehr wohl, dass es Gottes heiliger Wille, dass der Mensch nicht alles tun und lassen kann, was er denkt. Wo kämen wir da auch hin? Jeder wäre dem anderen ein Wolf und der Stärkere und Bösere setzt sich durch.

Wir brauchen Regeln und Gesetze, die unser Zusammenleben ordnen. Die Freiheit, die ich mir selbst wünsche, hat eine Grenze, nämlich genau da, wo die Freiheit eines anderen verletzt wird. Darum kann man die Zehn Gebote zum Beispiel als Regeln der Freiheit bezeichnen oder als Schätze für ein gelingendes Leben. Diese Regeln gelten ganz allgemein und wenn wir uns umschauen, dann sehen wir in fast allen Religionen und Kulturen der Menschheit ähnliche Regelsysteme.

Was ist aber das Besondere an Jesu Gesetzesbruch in unserer Geschichte? Der Mensch ist der Maßstab für das Gesetz und es gibt tatsächlich Gesetze, oft von Menschen gemacht, die gelingendes Leben unmöglich machen. Ein Gesetz ist kein Selbstzweck, sondern soll den Menschen dienen. Wo jemand hungern muss, weil ein Gesetz ihm verbietet zu essen, da ist eine Grenze erreicht. Wenn Jesus sich über solche Grenzen hinwegsetzt, offenbart er, was Gottes wirklicher Wille ist: Gott will nicht, dass wir hungern um fromme Regeln zu erfüllen. Er will, dass wir leben! Das Gesetz ist für den Menschen, nicht der Mensch für das Gesetz geschaffen.

In der Wirklichkeit sieht das meist anders aus und es ist in unserer Zeit, in der selbst für die Müllabfuhr ganze Bände mit Regeln voll geschrieben sind, ziemlich schwer noch durchzuschauen. Wo setzt man da den Hebel an und stellt den Menschen wieder in den Mittelpunkt?

Das Thema unseres Sonntages ist der rechte Weg, die Unterscheidung von Falsch und Richtig, von Gut und Böse. Dabei will uns Gottes Wort das Navigationssystem sein, damit wir niemandem schaden tun und wir selbst dabei keinen Schaden nehmen. Viele Menschen in unserem Land, besonders junge sehen es sicher als Bevormundung an, wenn man verlangt, sein Leben nach Gottes Gebot auszurichten. Und tatsächlich treibt eine neue Gesetzesfrömmigkeit seltsame Blüten auch unter Christen in unserem Land. Wenn z.B. der Geschlechtsverkehr vor der Ehe als schwere Sünde bezeichnet wird oder bestimmte Speisen und Getränke wieder verboten werden, letzteres eine Reglementierung des Lebens, die eigentlich im Christentum abgeschafft war. Solcher Gesetzlichkeit können wir unser heutiges Jesuswort entgegenstellen: alle Gebote und Verbote machen nur dann Sinn, wenn sie die menschliche Freiheit nicht in Frage stellen und zugleich in dieser Freiheit keine andere Freiheit verletzt wird.

Jesus war kein Gesetzesloser, wie ihn manche seiner Zeitgenossen, die strengen Fundamentalisten sahen. Die haben ihn ja auch in den Tod getrieben. Jesus ist die Vollendung der göttlichen Gesetzgebung, er ist das letzte und eine Wort Gottes, ganz anschaulich und plastisch, nicht im Wortlaut: „Du darfst nicht“ und „Du sollst!“ Die Begebenheiten, die wir von ihm lesen und hören, zeigen uns eine ganz liebevolle Art Leben zu gestalten. Eine Liebe, die über ein bloßes Gebot hinaus geht, eine Liebe, die Menschen gesund macht und sie wieder zu Gott führt, eine Liebe, die die toten Bindungen und Beziehungen unter den Menschen wiederherstellt. Ein Ehebruch fängt im Kopf und im Herzen an, nicht erst beim Ausrutscher! Das hat Jesus ganz klar gesagt und damit die ganze Oberflächlichkeit der Gesetzgebung entlarvt. Was zählt, ist Liebe aus ganzem Herzen. Denken, Fühlen und handeln aus einem Herzen, zu dem der Ewige Gott spricht, das ist der Weg, der zum Ziel führt. Das ist das Navigationssystem für unsere heutigen Straßen. Dann leben wir im Einklang mit Gott und der Welt. Dass dies ein hoher Anspruch ist und wir stets unsere Herzen prüfen müssen, sozusagen eine TÜV-Untersuchung machen, das ist klar. Dass auch in der Auslegung dessen, was für den Menschen denn nun das Beste sei, nicht immer Klarheit herrscht, ist auch deutlich. Darum auch ist eine stete Erkenntnis unserer Fehler nötig, ein Neuanfang, den Gott uns immer wieder möglich macht. Darum ist es auch nötig, immer wieder unsere Entscheidungen in ein neues Licht zu stellen, das Licht dessen, der den Menschen als Bild seiner Liebe schuf.

Möge Gott uns die rechten Wege zeigen, zu unseren Herzen sprechen durch den vollmundigen Blick auf Jesu Wort und Leben, auf Jesus, der uns zu Gott und zur Freiheit ruft. Amen.