Liebe Gemeinde,
das Erntedankfest lässt uns einmal im Jahr innehalten. Wir sollen uns besinnen auf unsere Lebensgrundlage, auf den Grund und Boden, auf dem unser Leben und das aller Menschen steht. Gott hat das Leben erfunden, es uns geschenkt und er erhält es jeden Tag auf`s neue. An diesem Tag sollen wir „Danke“ sagen dafür. Mit dem Danke sagen, tun wir uns schwer. Das geht sicher nicht immer auf Knopfdruck – auch bei mir. Mit dem Fasching ist es ja ähnlich, auf Knopfdruck lustig sein, das geht nicht immer, das passt manchmal nicht in unsere Situation. Wirkliche Dankbarkeit will eingeübt sein und der selbstsicheren Gleichgültigkeit abgerungen. Und wer hat schon Grund dankbar zu sein, wenn jemand in der Familie die Arbeit verloren hat, wenn ein geliebter Mensch abberufen wurde, wenn wir uns einsam oder überfordert fühlen. Es gibt viele Gründe, das „Danke“ weit weg zu schieben. Es müssen aber nicht immer solche Ernstfälle des Lebens eintreten. Das kleine Wörtchen „Danke“ geht uns auch dann manchmal schwer über die Lippen, wenn es angebracht wäre. Wofür danken, wenn alles selbstverständlich ist?
Liebe Gemeinde, jedes Jahr auf´s Neue also steht Einübung im Dankbarsein auf der Tagesordnung. Was wir dankbar empfangen, wird zu etwas Wertvollem und Kostbaren für uns. Es ist wie ein Geschenk, das man zum Geburtstag bekommt. Kommt es von Herzen und mit Liebe von einem lieben Menschen, dann ist es etwas Kostbares für uns. Das stellen wir sorgsam zu den anderen Dingen, die uns wichtig sind. So ist es mit den Geschenken Gottes an uns genauso, besser gesagt so sollte es sein. Gottes Geschenke sind unser eigenes Leben, die Mitmenschen, die Natur, die unglaubliche Vielfalt der Dinge und Möglichkeiten dieser Welt. Schauen wir nur uns selbst an. In uns stecken so viele Fähigkeiten, was man alles hätte lernen und arbeiten können. Ich denke, Gott hat jedem von uns so viel mitgegeben, dass ein einziges gelebtes Leben niemals ausreicht, alle Möglichkeiten und Fähigkeiten auszuleben. Das ist schon faszinierend. Und wie gehen viele unserer Zeitgenossen mit dem Leben um? Ein Teil der Möglichkeiten ballern wir weg mit Alkohol und anderem Unsinn. Ein anderer Teil opfern manche ihrer Trägheit. Und wie hoch das Leben anderer geschätzt wird, sehen wir an den Gewalttaten hier und andernorts, in den Schulklassen, den Familien, zwischen Völkern und Staaten, wir sehen, wie wertvoll und kostbar das Leben geachtet in den Kriegen, in der Ausbeutung recht- und besitzloser Menschenmassen in der Welt. Oder das Geschenk der Natur. Dass wir bald keinen Schnee mehr im Thüringer Wald haben werden, zeigt doch, dass die Warnungen und Katastrophenszenarios uns bereits erreicht haben. Jetzt kann eigentlich keiner mehr sagen, was interessiert mich, ob die da unten noch Regenwald haben oder nicht. Spätestens wenn der nächste Sturm das Dach abdeckt, kriegen wir eine Quittung für grobes Fehlverhalten der Industriestaaten und unserer eigenen Verblendung, alles haben zu müssen. Haben müssen ist das eine Übel, für das, was man hat, nicht dankbar sein, setzt dem noch die Krone auf.
Dankbarkeit einüben, ist also die Devise für den heutigen Tag. Schön wenn es uns nicht nur heute gelänge. Danke sagen heißt noch nicht wirkliche Dankbarkeit. Denn Dankbarkeit ist eine Lebenseinstellung und es verändert uns und das, was wir tun. Zwischen Dankbarkeit und dem Tun des Guten und Rechten besteht eine enge Verbindung. So sieht es auch der Predigttext für den Erntedanktag in diesem Jahr aus dem Hebräerbrief:
„So lasst uns nun Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die Jesu Namen bekennen. Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen; denn solche Opfer gefallen Gott.“
Liebe Gemeinde, ein Bekenntnis, das nur Wort bleibt und nicht zugleich eine Tat ist, geht ins Leere, ist letztlich Zeitverschwendung und verlogen. Das „Lobopfer“ können wir auch als Zuwendung und Erhebung des Menschen zu Gott hin beschreiben. Darin eingeschlossen ist die Frucht der Tat. Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen. Das ist es, was Gott gefällt. Nichts anderes, liebe Gemeinde, ist es mit den Erntegaben hier in der Kirche. Sie sind ein Zeichen, ein Symbol. Die Gaben zeigen die Vielfalt dessen, was wir haben und was uns in den Schoß fällt. Morgen früh werden die Sachen abgeholt und Menschen gegeben, für die es eben nicht selbstverständlich ist, jeden Tag eine warme Mahlzeit zu haben. Gar nicht weit weg gibt es sie, diese Menschen, und ich bin mir sicher, nicht nur in Gotha, sondern auch in unserem Ort gibt es sie. Die zusammen gebrachten Gaben sind ein Zeichen dafür, wie es immer sein sollte, ein Zeichen dafür, wie es ist, wenn wir tun, was Gott von uns möchte. Abgeben, weil es letztlich uns geschenkt wurde, teilen, weil es auch uns hätte treffen können. Die älteren unter uns wissen sicher noch, wie es war, kurz nach dem Krieg. Es zeigt, nichts ist selbstverständlich, sondern Gottes unvorstellbare Gnade, dass wir Wohlstand haben. Dafür können wir dankbar sein. So wird durch die Erntegaben an Bedürftige unser Dank zu einer guten Tat. Es ist ein Zeichen, liebe Gemeinde nur einmal im Jahr am Erntedanktag und es will uns den Weg weisen, es jeden Tag so zu tun. Wenn die Erntedankfeste vorbei sind, werden die Tafeln und Organisationen wieder suchen müssen nach barmherzigen und dankbaren Menschen, die helfen wollen, Not und Leid zu lindern. Es muss ja nicht immer eine Geld- oder Sachspende sein. Dankbarkeit, die sich im Tun des Guten ausdrückt, ist auch, wenn wir unsere Arbeit mit Verstand und Liebe machen. Wenn wir nicht überall nur versuchen, selbst den Hintern an die Wand zu bekommen, sondern uns zum Wohle anderer einzusetzen. Wenn es meinem Nachbarn gut geht, kann auch ich im Frieden leben. Vergesst nicht Gutes zu tun und mit anderen zu teilen. Die meisten unter uns sind wahrscheinlich keine Bauern mehr im klassischen Sinne. Wir haben andere Fähigkeiten und Gaben, die wir einbringen können und mit anderen teilen. Eine Frau, die Kranke und Alte besucht, weil sie Zeit hat und gut zuhören kann. Ein Mann, der mit anpackt, wenn jemand Hilfe braucht. Einer, der sich in der Kirchgemeinde engagiert, weil ihn die Dankbarkeit dazu bringt, auch andere mit dem Geheimnis, das wir Gott nennen, in Berührung zu bringen. Möglichkeiten gibt es viele, liebe Gemeinde. Ich würde mir wünschen, dass unsere Dankbarkeit heute ohne Falsch sei, nicht ein bloßes Lippenbekenntnis, weil es halt Tradition ist. Danke sagen und Gutes tun, gehören untrennbar zusammen. Es ist das Lobopfer, das Gott gefällt. Wie gesagt, Dankbarkeit ist eine Einstellung zum Leben selbst. Vielleicht ist es gerade der Weg, Gott zu erkennen, den jeder versteht, ob er getauft ist oder nicht, ob er das Glaubensbekenntnis mitsprechen kann oder nicht, wenn wir Gott in der Welt selbst entdecken lernen. In der reichen und vielgestaltigen Natur, in der Liebe der Familie, in den Möglichkeiten, die vor uns liegen, in allem, was wir selbst nicht schaffen können, was einfach schon da ist, ehe wir da waren und noch da sein wird, wenn wir gehen. Es ist die Grundlage, die Gott uns schenkt, seine Visitenkarte, mit großem Ausrufezeichen. Sieh her, das ist alles für dich! Mach was draus! Wenn wir die Welt mit solchen Augen sehen lernen, dann stellt sich Dankbarkeit ganz von selbst ein, dann lassen wir unsere Chancen nicht verstreichen, sondern leben im Einklang mit Gott, mit den Menschen, mit der Natur. Sieh her, spricht Gott, es ist alles für dich! Greif zu und mach das Beste draus! Und vergiss dabei nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen. Amen.